„twitter ist reine Zeitverschwendung“

Keinen Satz höre ich so oft wie diesen, wenn es um die neuen Medien und Digital Relations geht. Und kein Satz wird leidenschaftlicher vertreten, teilweise sogar mit einer gewissen Aggressivität. Unaufgefordert. Und ausschließlich von Menschen, die twitter nicht nutzen. Wobei man die Aussage auch beliebig auf facebook, Blogs und Chats erweitern kann. Die Vehemenz der Ablehnung bleibt dieselbe. Aus Angst wovor? Vor dem bösen Internet voller Gefahren und Abgründe? Wohl kaum. Aus Angst davor, dass die kostbare freie Zeit jenseits von Büro und Alltagsstress nun auch noch von diesen neuen Medien aufgefressen wird? Vielleicht schon eher. Oder ist es viel eher Ignoranz statt Angst? Nach dem Motto: Einfach ganz intensiv weggucken, dann geht dieses komische Phänomen „Social Media“ schon vorbei, ohne dass ich mich damit beschäftigen musste. So wie Kinder, die sich die Augen zuhalten und dann glauben, man würde sie nicht mehr sehen. Genauso blendet man die neuen Medien aus in der Hoffnung, dass sie sich dadurch in Luft auflösen. Und man kann dann hinterher stolz behaupten, man hätte immer gewusst, dass es Zeitverschwendung gewesen sei, sich überhaupt mit so einer Eintagsfliege zu beschäftigen.

Warum führt twitter bei so vielen Menschen zu so einer intensiven Reaktion? Warum ist die Welt so schwarz-weiß, wenn es um twitter geht? Man liebt es oder man hasst es. Kaum jemand ist indifferent.

Meine starke Vermutung ist, dass Menschen immer dann besonders gerne gegen etwas sind, wenn sie sich damit entweder noch nicht richtig beschäftigt oder es nicht verstanden haben. Die Abwehrhaltung ist wie ein Schutzwall, den man aufbaut.

Die Unterstellung, dass es bei twitter ausschließlich um das Wetter sowie repetitive Tagesabläufe von öffentlichkeitssüchtigen Menschen geht, ist eindeutig zu kurz gedacht. Natürlich geht es auch darum, und das ist auch gut. Denn selbstverständlich interessiert mich auch die Person hinter dem Profil. Was macht sie, wo fährt sie hin, was bewegt sie, hat sie Kinder, ist sie verheiratet, wie sieht ihr Tagesablauf aus? Diese Informationen führen zu einem Gesamtbild. Sie liefern Erklärungen dafür, warum Menschen Meinungen vertreten. Sie liefern Hintergründe, die mir das Gefühl geben, die Menschen auf twitter ein wenig zu kennen. All das macht twitter menschlich. Und entkräftet für mich den Vorwurf, dass wir durch die Digitalisierung unseres Lebens soziale Kontakte vernachlässigen und das Interesse an realen Menschen verlieren. Denn wenn wir uns physisch kennenlernen oder wiedersehen, tauschen wir häufig nur Banalitäten aus, machen Smalltalk. Wie geht es Dir, bist Du verheiratet, wo wohnt ihr, was machst du beruflich, wann bist du heute aufgestanden, hast du schon gegessen, was machst du heute Abend, wo fährst Du gerade hin? Völlig legitime Fragen? Warum darf man die Antworten dann nicht ungefragt bei twitter schreiben. Es erspart der Gegenseite sogar die Frage. Und man muss die Antwort nur ein Mal geben, und jeder weiß Bescheid.

Aber wie gesagt: Es geht nur zum Teil um diesen Smalltalk. In erster Linie geht es um Veranstaltungshinweise, Links zu Neuigkeiten, Hintergründen, Blogpostings, Livestreams, Videos und auch um Umfragen, Meinungsäußerungen und Analysen von gesellschaftlichen Strömungen. Um Politik, Wirtschaft und Finanzen. Um Sport, Musik und das Kinoprogramm.

Für mich ist twitter ein Newsfeed aus den Köpfen von interessanten Menschen. Menschen, die in einer anderen Branche arbeiten, Menschen, die ein anderes Leben führen oder Menschen, in denen ich mich selbst erkenne. twitter erweitert meinen Horizont, twitter macht mich toleranter, twitter lässt mich meine eigene Meinung stärker reflektieren. Ich versetze mich  in andere Menschen, hinterfrage deren Lebensmodell und ihre Gedanken, wäge ihre Argumente ab, forme daraus meine eigene Meinung. Sie ist differenzierter als zu Zeiten, in denen ich selbst skeptisch twitter gegenüberstand und den Dienst noch nicht nutzte. Wenn ich Zeitung lese oder fernsehe, bin ich mit meinen Gedanken alleine, kann maximal einen Kommentar zu einem Artikel lesen oder mich auf die Darstellungsweise des Moderators verlassen. Bei twitter treffen verschiedene Meinungen und Denkansätze aufeinander und zwingen mich dazu, ein Thema umfassender zu betrachten.

Versteht mich nicht falsch: Es muss nicht jeder bei twitter sein. Im Gegenteil, das soll jeder für sich selbst entscheiden. Aber wenn man dagegen ist, sollte man eine bessere Begründung haben als nur „twitter ist reine Zeitverschwendung“.

15 Kommentare
  1. Ablehnende Haltungen zu Twitter hab auch ich schon öfter beobachten können. Dies in der Regel auch bei den "Halbinformierten".

    Die Darstellungen von Twitter in Fernsehen und Zeitungen sind in der Regel auf die Nutzungsweise beschränkt, wie sie in diesem Artikel beschrieben werden. Gezwitschert wird nur über Triviales. Daher ist Twitter bestenfalls Zeitverschwendung, schlimmstenfalls ein weiterer Schritt zur Verblödung der Gesellschaft und zum Untergang des Abendlandes.

    Ich habe hingegen noch nie einen Beitrag in den Mainstream-Medien wahrgenommen, der Twitter als Werkzeug für Wissensarbeiter thematisiert. Z.B. als personalisierbaren Informationsstrom oder menschlich gefilterte Informationsquelle. Das ist viel zu kompliziert.

    Stattdessen dominieren fernsehgerechten Darstellungen, in denen Halbwissen an ein Publikum weitergegeben wird: http://www.youtube.com/watch?v=4kfVKqiIZeM

    Die Unwissenden sind sich einig, dass so etwas überflüssig ist.

    Man bildet sich häufig eine Meinung ohne sich eingehender mit einem Phänomen beschäftigt zu haben. Uns fehlt dazu in der Regel nämlich die Zeit. Man gründet sein Urteil auf den Informationen, die man hat. Im Fall von Twitter sind diese Informationen aber unvollständig und einseitig. Denn sie stammen häufig aus den Mainstream-Medien, verbreitet von unwissenden Multiplikatoren wie Kerner oder auch so manchem Zeitungsjournalisten. So entsteht ein einseitiges und verzerrtes Bild von Twitter in der Öffentlichkeit, dass sich in einer ablehnenden Haltung bemerkbar macht.

    Bevor nicht positive und nützliche Anwendungsbeispiele in die öffentlichen Arenen gelangen wird sich daran auch nicht viel ändern. Die Nutzung von Twitter im Iran war ein guter Anfang und hat dazu geführt, dass sich einige Redaktionen etwas ausführlicher mit Twitter auseinandergestzt haben.

  2. Ich selbst stand twitter sehr lange ablehnend gegenüber, bevor mich ein Blogposting von Klaus Eck Anfang 2008 so neugierig machte, dass ich dem Ganzen eine Chance gab. Von quasi der ersten Minute an bin ich begeistert. Es war noch nie so einfach, interessante Menschen und ihre Sicht der Dinge kennen zu lernen. Insofern kann ich Deiner Beobachtung, Verena, nur zustimmen.

    Tim, ich sehe schon einige Medien, die twitter in ein positives Licht stellen. Was mich dann allerdings stört, ist die häufige Erwähnung von Promis, die ihre Fans an ihrem Leben teilhaben lassen. Ja, das ist ein Faktor von twitter, der gewiss nicht unwesentlich ist. Aber das Tolle an twitter ist ja auch, dass ganz normale Menschen sich eine Öffentlichkeit schaffen können. Promis haben ohnehin eine Bühne. Wir hingegen entdecken sie bei twitter und im Web 2.0.

  3. Wie sehr sich unsere Erfahrungen hier ähneln… 🙂 ja ich habe mich oft gewundert, warum das Twittern auf der einen Seiten so in der Öffentlichkeit diskutiert wird und auf der anderen Seite wieder so oft abgewertet wird.
    Dann dachte ich mir, ausprobieren, nur so kannst du dir selber ein Bild machen. Erst mal habe ich mir interessante Leute rausgesucht, die zu Themen twittern die mich interessieren, so komme ich an viel gute Infos, schnell und unkompliziert und dann das weitersagen, auch so ein toller Effekt. Der eine weiss was mich auch interessiert oder ich habe was erfahren was auch andere interessieren könnte. Nun ist es nicht mein Ziel 1000 Followers zu haben, sondern eben Leute um mich zu haben, von denen ich etwas erfahren kann und die an meinen Infos interessiert sind und das finde ich so richtig super. Tolle Kontakte haben sich da schon entwickelt und Twittern ersetzt jede langweilige Fernsehsendung.

  4. hi Verena, schicker neuer Blog, coole Sache.

    Ich muss zugeben, ich halte twitter für Zeitverschwendung und ich nutze es nicht. Es reicht mir tweets zu lesen um mir darüber klar zu werden, dass es Zeitverschwendung ist.

    Warum? Weil ich sowieso schon nicht die Zeit habe all die Informationen die mich potentiell interessieren könnten zu lesen bzw zu verarbeiten. Natürlich kann ich mich über twitter über Veranstaltungen/Videos/Weblinks informieren. Kann ich auch über IRC, RSS feeds, Facebook, Mailing Listen, Blogs und Groups (…) aber doch auch. Geht auch mit Wave oder Pipes. Wofür brauche ich da noch ne Technik die sich selbst auf 140 Zeichen beschränkt? Selbst bei SMSen spürt man diese Beschränkung ja auf neueren Telefonen kaum noch, warum sollte man sie denn dann bei einem Medium einführen wo es keine technischen Gründe dafür gibt?

    Meiner Meinung nach verleitet diese Beschränkung viele Leute gerade erst dazu genau die Dinge mitzuteilen, die nicht interessieren. Außerdem ist das API von twitter … sagen wir so … unbezahlte Alphatests sind Zeitverschwendung.

    Andere Frage – du hast ein polarisierendes Thema wie das hauptsächlich gewählt, weil Kommentare provoziert oder? und… mist… reingefallen 😉

  5. Gratuliere zu deinem neuen Blog.
    Ich denke bei twitter kommt es vor allem auf die Netzeffekte an. Niemand twittert für sich allein (wenn doch finde ich das sehr traurig).
    Die Motive sind sehr unterschiedlich. Einige benutzen twitter nur um sich selbst darzustellen, während andere sehr viel persöhnliches preisgeben, so dass man das Gefühl hat sie kennenzulernen indem man ihre tweets liest.
    Für mich ist es eine Chance zu sehen was in der Online-Marketing-Branche los ist, auf lustige oder informative Links zu stoßen und zu sehen mit wem meine Freunde und Kollegen kommunizieren. Und das nur beim zuhören! Wer weiß, was es mir noch alles bringt, wenn ich jetzt noch anfange selbst aktiver zu twittern…

  6. Felix, ich finde, Du gehst da ein wenig zu dogmatisch an die Sache heran. Ein Fußballspiel, dauert auch 90 Minuten, obwohl die Sportler heute konditionell wesentlich stärker sind als noch um 1900, als die Regeln festgelegt wurden. Face it. Man muss nicht immer alles in Frage stellen. Gewisse Dinge kann man akzeptieren und ausprobieren.
    Und darum geht es Verena ja: Es ist mehr als ok, twitter abzulehnen. Oder facebook, oder das Internet als Solches. Nur sollte man diese Entscheidung bewusst treffen – nachdem man sich aktiv vergewissert hat, dass man das wirklich nicht braucht oder will.
    Wenn um 1896 jemand das Auto abgelehnt hätte, weil es doch albern ist, ohne Pferde zu reisen – nur weil man es eben nicht besser wusste…

  7. Vorweg möchte ich sagen: Ich nutze Twitter und bin davon begeistert.

    Ich habe viele Diskussionen über Twitter geführt und immer wieder begegnet mir, wie in dem Artikel beschrieben, das Phänomen, dass ausschließlich die Leute gegen Twitter sind, die sich damit am Wenigsten befasst haben.

    @Felix: Ich gebe dir grundlegend Recht, dass man sich auch über andere Quellen informieren kann (für News nutze ich selbst auch RSS). Du hast jedoch zwei wichtige Aspekte vergessen:

    Erstens: Du sagst, du hast so schon keine Zeit, dich durch Interessantes zu arbeiten. Aber wieso? Weil die Texte zu lang sind und man erst zwei Bildschirmseiten lesen muss, damit man den Inhalt völlig versteht? Wäre es nicht einfacher, alles möglichst knapp zu halten (z.B. 140 Zeichen) mit einem Link als Verweis, dass man sich weiter informieren kann, wenn es einen interessiert?

    Zweitens: Bei RSS und all den aufgezählten Informationsquellen suchst du dir den Content selbst. Du abonnierst Blogs/News/… jedoch bekommst du dadurch immer Informationen, die dich persönlich nicht interessieren (z.B. Handball-News auf einer Nachrichtenseite). Durch Twitter findet schon vorher eine Selektierung statt. Indem du nur Leuten folgst, mit denen du dich identifizierst, hast du auch überwiegend Zugriff auf Themen, die in dein Interessensgebiet fallen. Zusammen mit erwähnten Kürze hast du Zugriff auf relevante/unterhaltsame/informative/persönliche Themen, die dir kein Feedreader o.ä. bieten kann.

    Ganz zu schweigen vom Austausch über diese Informationen, der Möglichkeit, selbst zu kommentieren. Bei Twitter hätte ich das in 140 Zeichen gepackt, oder auch 2 "Tweets" geschrieben und alle wüssten grundlegend über meine Haltung Bescheid. (Was nicht unbedingt FÜR die Länge meines Kommentars spricht 😉

  8. oha, viel pro-twitter hier… noch nicht auf buzz umgestiegen? 😉
    hm "sich kurz halten" ist aber doch eine Stilfrage und sollte nicht in eine technische Notwendigkeit abgebildet werden (in meinen Augen). Ob ich jetzt für meinen Teaser 60, 140 oder 240 Zeichen brauche kann sich ja durchaus im Einzelfall unterscheiden. Ein weiterer Nachteil den die Zeichenbeschränkung einbaut ist auch die Art Schindluder, die mit bit.ly URLs getrieben wird (womit ich jetzt nicht meinem Vorposter zu nahe treten möchte). Nur wenn ich auf einen Link klicke möchte ich gern vorher wissen wo ich in etwa hinsurfe.
    Das in einem RSS Feed keine für mich interessante Information stehen liegt auch an dem speziellen Feed nicht an der Technik. Würde ich als Nutzer die Bereitschaft mitbringen mir ein wenig technische Grundlagen anzueignen könnte ich ja stattdessen ja auch Pipes verwenden und diese ganz genau so Filtern wie ich sie brauche. … alles keine wirklichen Argumente für Twitter.

    @Sacha – ich folge dir nicht. Man sollte deiner Argumentation zufolge also alles ausprobieren was neu ist nur ein Fußballspiel hat immer noch 90 Minuten und war von Anfang an perfekt? Oder anders rum – Fußballspiele sollten auch endlich mindestens 4 Stunden dauern weil sie dadurch noch viel spannender würden?
    Ich verstehe einfach die Identifikation von Onlinemarketing Menschen mit Hypes nicht wirklich weil ich eine Menge Arbeitszeit damit zubringen musste genau diesen Leuten zu erklären dass AJAX kein Putzmittel ist und Pipes nicht immer nur Rohre sind. Drum hat es sich in meinen Augen bewährt gerade neue Entwicklungen erstmal zu prüfen bevor ich sie cool finden kann und eben auch zu hinterfragen warum jemand denkt, dass er sie braucht.

    btw – probier ich twitter (erselber) aus. um vollautomatisch skypemoodmessages dort zu speichern.

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