Vorsätze für das neue Jahr – Fluch oder Segen?

Jeder der mich gut kennt weiß, dass ich ein sehr großer Freund von to-do-Listen bin, die ich nicht nur akribisch schreibe, mehrmals am Tag aktualisiere, sondern auch sehr sorgfältig abarbeite.

Früher habe ich mich jedes Jahr am 31.12. hingesetzt und auf diesen to-do-Listen die Rubrik „Vorsätze für das neue Jahr“ neu befüllt. Das hat für mich überhaupt nicht funktioniert. Denn das große Problem war, dass man diese Punkte so schlecht abarbeiten konnte. „Mehr Sport machen“ konnte ich nicht Mitte Januar als erledigt abhaken. „Mehr Zeit für Freund, Freunde und Familie haben“ war auch ein Dauerbrenner, der so schlecht nach zwei Kinoabenden und Essenseinladungen abgehakt werden konnte. Es hat mich also total fertig gemacht, dass da Punkte an der Spitze meiner to-do-Liste standen, die ich einfach nicht erledigen konnte, sondern, die ich das ganze Jahr mitschleppen musste.

Also begann ich die Vorsätze am 31.12. in einen Briefumschlage zu stecken, zu versiegeln und erst nach einem Jahr wieder herauszuholen. Nach dem Motto: Wenn ich sie nicht sehe, belasten sie mich auch nicht, sind aber trotzdem da. Das Problem damit war, dass ich vergessen habe, was ich mir eigentlich vorgenommen hatte. So passierte es regelmäßig, dass ich am 31.12. des Folgejahres den Briefumschlag öffnete und so etwas wie „Italienisch lernen“ las, welches ich komplett vergessen hatte anzugehen. Außerdem kam hinzu, dass ich mir durch diese blöden Vorsätze immer mehr aufhalste, als ich tatsächlich schon ohne diese bewältigen konnte. Das Öffnen des Briefumschlags war damit ein einziger Frust, da ich meist keinen der aufgeführten Punkte erledigt, geschweige denn angegangen hatte. So war ich kurz davor, am 31.12. mit Rauchen anzufangen, damit ich mir für das Folgejahr das Aufhören vornehmen konnte und somit gleich am 1. Januar ein Erfolgserlebnis hatte. Das konnte aber auch nicht die Lösung sein.

Also traf ich eine große Entscheidung: Ich wusste, dass ich ohne Neujahrs-Vorsätze nicht leben konnte, wusste aber auch, dass mich diese Vorsätze völlig überforderten. Also benannte ich sie um. Sie hießen ab sofort „Wünsche für das neue Jahr“, erschienen nicht mehr auf der to-do-Liste und wurden für ein Jahr in die unterste Schublade meines Schreibtisches gelegt. Das Schöne an ihnen war und ist, dass ich nichts mehr dafür kann, wenn sie am Ende des Jahres nicht erledigt sind. Dann wurden meine Wünsche einfach nicht erhört. Es ist also auch nicht mehr schlimm, wenn ich vergesse, was ich mir eigentlich gewünscht habe, denn ein Wunsch ist ein Wunsch und kein to-do.

Seitdem geht es mir bestens. Ich habe ein ruhiges Gewissen, dass ich mir für das neue Jahr etwas gewünscht habe und kann mich dann in Ruhe zurücklehnen. So wie früher als Kind, wenn ich meinen Wunschzettel fürs Christkind mit der Schrift nach außen ans Fenster geklebt hatte und dann nur noch warten musste, dass meine Wünsche in Erfüllung gingen. Herrlich!

3 Kommentare
  1. Das ist wie beim Christkind, das darf man nicht laut sagen, geschweige denn veröffentlichen, sonst gehen die Wünschen nicht in Erfüllung!

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