Auf Entzug – warum ich lernen möchte, wieder mehr offline zu sein

Am Wochenende habe ich Sachars Artikel „Overload“ gelesen. Und der hat mich nachdenklich gemacht. Bin ich auch süchtig? Verspüre ich Entzugserscheinungen, wenn ich nicht online sein darf? Vermisse ich mein Iphone, wenn es nur für ein paar Minuten im Zimmer nebenan liegt? Unterbreche ich romantische Abende mit meinem Mann, um mal eben etwas zu twittern, facebooken oder sonst wie zu veröffentlichen. Gehöre ich zur Generation, die nicht mehr offline sein kann? Lebe ich in einem Meer von Konzentrationsstörung, ADHS und Oberflächlichkeit. Bin ich eine Getriebene der modernen Kommunikationsmittel und Netzwerke?

Sicherlich ein bisschen. Sicherlich jeden Tag mehr. Und sicherlich manchmal auch zu viel.

Aber das ändert sich gerade!

Denn es gab viele Momente im letzten Jahr, in denen ich bedauert habe, dass im Briefkasten nur noch Zeitungen, Rechnungen und Werbung und in den seltensten Fällen noch ein echter Brief landen. Ich habe drei große Kartons im Regal stehen, die bis oben hin mit Briefen gefüllt sind, die ich in meinem Leben jemals erhalten habe. Alle sind noch da. Sie zerfallen nicht, kein Virus zerstört sie, kein mangelnder Speicherplatz erzwingt ihre Auslöschung. Sie sind einfach da. Erinnerungen an schöne und traurige, aufregende und einsame Zeiten. Zeilen von Menschen, die zum Teil nicht mehr leben oder, die man aus den Augen verloren hat. Sie haben einen unheimlichen Wert für mich. Und ich habe in den letzten drei Jahren kaum für Nachschub gesorgt. Weil ich selber nicht mehr schreibe.
Damit kommen vor allem all diejenigen zu kurz, die keine Emailadresse haben, d.h. vor allem meine Großeltern. Von meinen beiden Großmüttern habe ich 254 Briefe in der einen Schachtel. Das wird mein Sohn nicht mehr haben. Er wird von Anfang an mit seiner Großmutter mailen, chatten, skypen oder facebooken. Ist das nicht eigentlich ein bisschen traurig?

Gestern kam der Brief meines Vaters an, den er mir zu meinem morgigen Geburtstag geschrieben hat. Da er von außen nicht als Geburtstags-Brief erkennbar war, habe ich ihn bereits gestern geöffnet. Ihr glaubt nicht, was es für ein Glücksgefühl ist, wenn einem jemand, der einem nahe steht zwei volle DinA4-Seiten schreibt. Mit Füller und Tinte und Schönschrift. Ich habe den Brief drei Mal gelesen und ich könnte Euch jedes Wort genau wiedergeben, weil es sich so stark eingeprägt hat. Von der Email, die ich vor 5 Minuten gelesen habe, weiß ich kaum noch den Anfang.

Ein anderes Beispiel ist, dass mein Mann und ich die letzten vier Abende! den Computer ausgelassen, unsere Iphones auf lautlos mit dem Gesicht nach unten in den Nachbarraum gelegt und uns unterhalten, gelesen und Filme zusammen gesehen haben. Das war so schön! Und so wichtig. Denn häufig verhindert das permanente Online-Sein, das Genießen des Offline-Lebens. Zumindest bei mir ist das so. Und dann stellt man fest, dass man zwar eigentlich wahnsinnig viel gearbeitet hat und online war, aber nur sehr wenig gelebt hat. Dass man zwar in jedem sozialen Netzwerk ein Update geschrieben hat, aber kaum noch Energie hat sich zu unterhalten.

Und wenn dann mal schwierige Zeiten oder traurige Momente kommen, stellt man fest, dass man im Netz ziemlich einsam ist und lieber in den Arm genommen wird, als acht Kommentare zu seinem Facebook-Status zu lesen. Dass Hunderte von followern und Facebook-Freunden plötzlich nicht helfen können. In diesen Momenten blättere ich durch Fotoalben, lese alte Briefe, liege auf dem Sofa, höre Musik, träume oder mache einen langen Spaziergang. Bin einfach offline. Etwas, das für die meisten Menschen selbstverständlich ist, ist für mich ein echter Luxus geworden. Ein Luxus, den ich wieder öfter haben möchte. Sicherlich wird es eine Weile dauern, diese Entschleunigung zu lernen und den Moment wieder zu genießen. Aber ich schaffe das. Ohne Selbsthilfe-Gruppe, ohne Therapie und hoffentlich ohne zu starke Entzugserscheinungen.

Das heißt natürlich nicht, dass ich Twitter, Facebook, Xing, Mails oder mein Blog jetzt irgendwie hinter mir lasse oder mich gar abmelde. Es heißt einfach nur, dass ich mir bewusste Auszeiten nehmen werde, in denen ich dann ausschließlich offline bin.
Die erste Härteprobe kommt im März, wo wir acht Tage in die Sonne fliegen. Auch wenn es natürlich höchst bedauerlich ist, dass meine follower und Facebook-Freunde in dieser Zeit auf Urlaubsfotos, Wetterberichte und Glücksbekundungen verzichten müssen, so glaube ich, dass es mir gut tun wird, in dieser Zeit ausschließlich Zeit mit meiner Familie zu verbringen und die Außenwelt auszublenden.

Back to the roots.

Wofür man früher mit dem Rucksack durch die Anden laufen oder Überlebenstraining in den schottischen highlands machen musste, reicht es heute einfach nur das Iphone auszuschalten und den Laptop gar nicht erst mitzunehmen.

Eigentlich einfach. Bestimmt machbar. Ich werde es Euch beweisen.

4 Kommentare
  1. Ich habe eben erst "Overload" gelesen und kommentiert und nun zeigte mein Blogreader deinen Artikel an. In den Kommentaren zu "Overload" sagte ich schon, dass ich auch gemerkt habe, dass man einfach mal Twitter, Facebook & Co beiseite legen muss und wieder – wie früher eben – einfach nur einen Anruf tätigt oder einfach bei einem Freund vorbeigeht und klingelt – oder wie bei dir: Briefe schreibt.

    Ich kann mich gar nicht mehr dran erinnern, wann ich das letzte Mal das Haus verlassen habe, ohne vorher zu schauen, was meine Freunde machen, wo sie sind und ob sie überhaupt Zeit haben, etwas zu machen. Früher – im Alter von 5-12 Jahren – ging ich einfach los und klingelte bei Freunden, um mit ihnen Fußball oder Basketball spielen zu gehen oder sonst was zu unternehmen. Mir war klar, dass ich nicht weiß, was er gerade macht und ob er Zeit hat, aber man hat es halt einfach gemacht und gesehen, was los ist, ohne vorher in Twitter und Facebook gelesen zu haben "wer hat lust was zu machen", "ich lerne gerade, nicht stören", "bin bei xxx mit yxw".

    Man muss eine gute Mischung aus Online und Offline finden, damit man später sagen kann, dass man alles erlebt hat, aber auch mit der Zeit gegangen ist. Das ist schwierig, aber auf jeden Fall machbar.

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