Nomophobie – eine Selbsterkenntnis

out of order

Nomophobie heißt laut Wikipedia „No Mobile Phone – Phobia'“ und bedeutet übersetzt „Kein-Handy-Angst“‚. Als Nomophobie bezeichnet man die Angst, mobil unerreichbar für soziale und geschäftliche Kontakte zu sein. Die Verunsicherung und Leere, die man spürt, wenn das Handy aus, kaputt oder unerlaubt ist. Die Abhängigkeit, die man verspürt. Das Gefühl, ohne sein Handy nicht leben zu können.

Ja, ich hatte Nomophobie.

Nicht im Endstadium, aber schon absolut kritisch.

Wenn es einen Fragebogen mit 10 Fragen gäbe „Wie erkenne ich, dass ich Nomophobie habe“, dann würde ich im negativen Sinne sicherlich stark an die Höchstpunktzahl heranreichen. 66% der Briten sind übrigens nomophob. Und wenn ich mich in Deutschland umschaue, vermute ich ähnliche Raten.

Sehr vielen von Euch mag das völlig absurd erscheinen. Nach dem Motto „Ist die gaga?“, „Wovon redet die?“, „Will die uns ernsthaft weißmachen, man könnte von seinem Handy abhängig sein?“

Viele andere werden sagen „Na, das wurde ja auch mal Zeit, dass die das merkt. Diese Erkenntnis hätte ich ihr aber auch schon vor Monaten wenn nicht Jahren mitteilen können, die Sucht war ja offensichtlich!“

Wie dem auch sei. Ihr Alle wisst, dass Erkenntnisse erst dann etwas wert sind, wenn man sie selber hat. Denn Menschen können noch so oft Bedenken äußern oder auf Missstände hinweisen, erst wenn man selber das Gefühl hat, dass etwas nicht stimmt oder man sich falsch verhält, ist man bereit etwas zu ändern.

An dem Punkt war ich vor ein paar Wochen.

Ich habe gemerkt, dass ich einfach verlernt habe abzuschalten. Nicht nur das Handy, sondern vor allem mich selbst.

Ich habe mich nicht mehr auf mein Gegenüber konzentrieren können. Mich nicht mehr treiben lassen. Nicht mehr in Erlebnissen gedacht, sondern nur noch in Statusmeldungen. Immer wenn die echte Welt nicht mehr genug war, habe ich mich in die virtuelle Welt geflüchtet.

Ich bin nicht mehr in einen Flow gekommen. Jenen Zustand, in dem man nicht mehr auf die Uhr schaut. In dem die Zeit verfliegt und man alles um sich herum vergisst.

David Brooks, der Autor von „Das soziale Tier“ beschreibt den Zustand dieses Flows sehr passend:

„Der bewusste Teil unseres Geistes sehnt sich nach Dingen, die in irgendwelchen Lifestyle-Zeitschriften beschrieben werden: nach Geld, nach Erfolg, nach Ruhm. Unser Unbewusstes hingegen sehnt sich eigentlich nach den Momenten, in den das Bewusstsein des Selbst in den Hintergrund tritt und verschwindet. Wenn man sich zum Beispiel in irgendeiner Arbeit verliert wie ein Schreiner, der ein Stück Holz bearbeitet, oder ein Künstler, der an einem Gemälde arbeitet. Wenn man sich in der Natur verliert, weil man sich wie verschmolzen fühlt mit ihr, wenn man in Gottes Liebe aufgeht oder in der Liebe zu einem anderen Menschen. Unser Geist ist dann am glücklichsten, wenn er die Hülle des Bewusstseins abzulegen vermag und in etwas aufgeht das größer als er selbst ist.“

Genau darum geht es und das ist es, was mir gefehlt hat. Die Hülle des Bewusstseins abzulegen. Dafür musste ich kein Yoga machen, dafür musste ich nicht ins Kloster gehen oder mich auf einer einsamen Berghütte einschließen. Dafür musste ich einfach lernen, mein Handy mal wegzulegen oder es gar nicht erst mitzunehmen. Mich auf den Moment einzulassen. Ihn zu genießen. Und dem Moment die Chance zu geben über sich hinaus zu wachsen. Wieder zu lernen durch die Straßen zu gehen und auf Kleinigkeiten zu achten. Wieder zu lernen, dass der Weg das Ziel ist.

Soweit die Selbsterkenntnis und Analyse.

Was habe ich also in den letzten Wochen geändert?

Ich habe nichts mehr auf facebook gepostet und keine Mails mehr gelesen, wenn ich mit meinen Kindern oder anderen Menschen in meiner Freizeit zusammen war. Auch nicht, wenn sie kurz aus dem Zimmer oder zur Toilette gegangen sind oder kurz in die Luft geguckt haben.

Ich habe kein facebook und keine Mails mehr im Auto an der Ampel, beim Warten an der Supermarktkasse, beim Entlanggehen der Straße, auf dem Fahrrad, im Fitness-Studio oder beim Joggen gecheckt. Total crazy, ich weiß.

Ich bin zwei Wochen in den Urlaub gefahren und habe in der ersten Woche keine Mails gecheckt. In der zweiten Woche lediglich jeden 2. Abend. Aber auch das hätte ich rückblickend lassen können.

Ich habe auf Twitter nur noch reagiert und nicht mehr aktiv dort gepostet. Und habe auch das Gefühl, dass ich verlernt habe wie das geht. Und dass mich die Twitter-Community eh nicht mehr ernst nehmen würde.

Das war der erste Schritt, um überhaupt mal wieder den Kopf freizubekommen.

Dann habe ich mir den TEDtalk von Thimon von Berlepsch nochmal angesehen. Dieser hat mich schon im November sehr beeindruckt, als ich ihn live beim TEDxBerlin gesehen habe. Und zwar nicht nur wegen der Zaubertricks und Thimons beeindruckender Aura, sondern besonders wegen seines Aufrufs mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und nach magischen Momenten zu suchen. Nach den kleinen magischen Momenten des Alltags, die man nur sieht, wenn man den Kopf frei hat, wenn das Handy aus oder zumindest nicht in der Hand ist und wenn man sich vollständig auf seine Umgebung einlässt.

Für manche von Euch völlig selbstverständlich. Für viele von Euch nicht sonderlich schwierig.

Für mich eine ganz neue Erfahrung.

So bin ich für zwei Wochen mit meiner Familie in den Urlaub in die Toskana gefahren und habe mein Handy ausgeschaltet. Zumindest für die ersten 7 Tage.

Kein facebook, kein Twitter, kein Pinterest, keine Mails, keine Anrufe, keine Fotos.

Nachdem sich das die ersten zwei Tage so angefühlt hat, als ob die Welt stehen geblieben sei, setzte dann am dritten Tag eine Tiefenentspannung ein. Eine Mischung aus dolce vita und Flow. Gar nicht so sehr, weil ich mehr Zeit für meine Familie hatte, mehr gelesen habe, mehr Sport gemacht habe, mehr in der Sonne lag, mehr im Meer gebadet habe, mehr den Moment genossen habe und bewusster gelebt habe. Sondern in erster Linie, weil es kein Störfeuer mehr gab.

Keine virtuelle Fremdeinwirkung.

Nichts, das meine Gedanken aus der Toskana weggelenkt hat. Nichts, das irgendwer kommentiert hat. Ich konnte Gedanken nicht nur fassen, sondern sie vor allem zu Ende denken. Ich konnte Eindrücke auf mich wirken lassen, ohne sie zu kommentieren oder sie zu fotografieren. Ich konnte zuhören, ohne mir Notizen zu machen oder Statusmeldungen zu schreiben. Total irre:-)

Sicherlich bin ich in meiner Beschreibung der letzten Wochen jetzt extra schonungslos. Und sicherlich übertreibe ich auch ein bisschen um den Punkt besonders deutlich zu machen. Natürlich habe ich auch vor der Nomophobie-Erkenntnis nicht wie ein Junkie an meinem Handy gehangen und völlig apathisch und geistesabwesend irgendwelche Statusmeldungen ins Orbit geschossen. Aber ganz normal war ich eben auch nicht mehr.

Ich möchte also nach diesen letzten Wochen nicht behaupten, dass ich jetzt total geheilt wäre oder nicht ab und zu auch mal rückfällig werde. Und es ist auch völlig in Ordnung, dass ich weiterhin Spaß daran habe, mich mitzuteilen und Menschen an meinem Leben teilhaben zu lassen.

Denn das bin einfach ich. Und es wäre falsch es komplett abzustellen.

Aber es fühlt sich alles wesentlich un-nomophober an als vorher. Und das Wichtigste ist eigentlich, dass erstmalig seit langer Zeit wieder magische Momente möglich sind.

Sie sind nicht spektakulär oder weltbewegend.

Not news-worthy.

Und damit um so schöner.

P.S. Joel, der Chefredakteur von Gründerszene hat einen sehr guten Artikel über „Mehr Zeit dank weniger Mails“ geschrieben. Da sind viele gute Tipps dabei, wie man das Problem von zu viel online-Zeit im Keim erstickt.

3 Kommentare
  1. sehr schöner Artikel, ich mache es seit Jahren schon so: im Urlaub ist das Internet aus, aber man wünschte sich, mehr davon in den Alltag rüberretten zu können, das Evernet schleift sich immer wieder ein.

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