Unsere Kinder sind kein Projekt

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Alle paar Monate kommt dieser Moment. Dass mir ein Thema plötzlich so unter den Fingernägeln brennt, dass ich nicht anders kann als meinen Gedanken freien Lauf zu lassen und sie ohne viel Nachdenken herunterzuschreiben.

Am Sonntag gab es mal wieder so einen Moment. In der „Welt am Sonntag“ habe ich den Artikel „Die Geschichte vom ewigen Zappelphilipp“ gelesen mit der Unter-Überschrift „Nie zuvor wurden in Deutschland so viele ADHS-Fälle diagnostiziert“.

Dieser Artikel hat eine Flut von Gefühlen und Gedanken bei mir freigesetzt, die ich jetzt ungefiltert mit Euch teile.

Der Stein meines Anstoßes ist das folgende Zitat einer Mutter in dem WamS-Artikel:

„Wenn im Kindergarten alle malten, zog mein Sohn sich zurück und las. Und heute noch, wenn ich in sein Zimmer komme, und er sitzt mit dem Rücken zur Wand, dann erschrickt er sich zu Tode, weil er sich in einer Parallelwelt befindet“.

Ja und?

Ist es nicht toll, wenn Kinder in unserer Welt aus Reizüberflutung, Konsum und Frühförderung die Phantasie und Ruhe haben, sich Parallelwelten zu schaffen? Wenn sie in diesen versinken und alles um sich herum vergessen?  Nur weil wir das selber verlernt haben (siehe mein Blogpost zu „Nomophobie“) sollten wir doch unseren Kindern diese Momente erst recht gönnen. Dieses Innehalten, diese Rückzugsmöglichkeit, dieses Eintauchen in Phantasiewelten.

Was kann es Schöneres geben, als dass Kinder in selbst gebauten Höhlen sitzen, in ihrem Spiel versinken und sich Phantasiewelten aufbauen.

Ich erinnere mich an so viele Tage als Kind, an denen ich nachmittags oder am Wochenende oder in den Ferien auf dem Sofa lag und komplett in meine Bücher versunken war, während rings um mich herum das Leben seinen ganz normalen Lauf nahm und ich von all dem nichts mitbekam. Oder stundenlang auf dem Bauch im Wohnzimmer lag und Lego gespielt habe ohne von irgendwem Notiz zu nehmen.

Wenn meine Eltern mich dabei unterbrachen, dann schreckte auch ich hoch aus der Parallelwelt, der ich entrissen wurde. Aber nie war die Reaktion oder der Gedanke meiner Mutter „Oh nein, mein Kind hat eine Krankheit, weil sie sich immer in ihre phantasievolle Parallelwelt flüchtet.“

Nein, ich war einfach ein Kind, welches gerne las und spielte und darüber Zeit und Raum vergaß.

Warum also analysieren wir unsere Kinder heutzutage so sehr? Warum verlassen wir uns nicht mehr auf unser Bauchgefühl? Warum schlagen wir alles in Elternratgebern und Magazinen nach? Warum rennen wir wegen jeder kleinen Ungereimtheit oder vermeintlichen Fehlentwicklung zum Arzt? Warum haben wir ständig das Gefühl unser Kind nicht optimal zu fördern? Wo ist die Leichtigkeit geblieben und das Vertrauen in uns und unser Kind?

Das eine Kind spricht mit 2 Jahren fließend, das andere bekommt (wie mein kleiner Sohn) mit fast 3 Jahren kaum einen richtigen Satz heraus.

Das eine Kind kann 20 Kinderlieder, das andere singt schief und krumm und kann sich keine Zeile merken.

Das eine Kind stürzt sich mit Begeisterung in neue Situationen und Herausforderungen, das andere ist schüchtern und zurückhaltend und versteckt sich lieber hinter dem Bein der Mutter oder des Vaters.

Das eine Kind braucht sehr lange einen Schnuller, das andere wollte nie einen haben.

Das eine Kind hat unheimlich viel Ballgefühl, das andere trifft auch noch nach 2 Jahren im Fußballverein kaum einen Ball.

Das eine Kind kann sich mit 2,5 Jahren alleine anziehen, das andere hat mit 5 Jahren noch Schwierigkeiten.

Na und?

Irgendwann kann sich jedes gesunde Kind alleine anziehen. Irgendwann hat es keinen Schnuller mehr. Irgendwann kann es sprechen.

Warum entspannen wir uns nicht einfach? Und üben damit weniger Druck auf uns und unsere Kinder aus?

Unsere Kinder sind kein Projekt, welches es zu optimieren gilt. Sie sind keine Maschinen, die wir optimal einstellen und bei der kleinsten Fehlstellung korrigieren müssen. Anders als im Berufsleben sollten wir bei unseren Kindern nicht in best practices, benchmarks und milestones denken. Nicht in Ergebnissen sondern in Erlebnissen. Unsere Kinder sind Individualisten so wie wir auch. Sie haben ihre eigene Persönlichkeit und ihre eigene Geschwindigkeit. Und sie haben ihre eigene innere Uhr. Und die kann ruhig mal vor- oder nachgehen.

Der Weg ist das Ziel. Und Wege kann und darf es viele geben.

Am Sonntagabend habe ich in die „Goldene Kamera“ gezappt und die Verleihung des Nachwuchspreises an Max von der Groeben gesehen. Ein cooler, sympathischer, humorvoller junger Schauspieler, der bestimmt nicht nur mich begeistert hat.  Doch wenn ich nun ein Interview mit seiner Mutter oder seinem Vater führen würde über die 10 Dinge, welche dazu geführt haben, dass er so ein toller Junge geworden ist und versuchen würde, diese dann bei meinen eigenen Kindern nachzumachen würde ich scheitern. Weil das genauso wenig funktionieren würde, wie Richard Branson zu fragen, was die 10 Dinge waren, weshalb er Milliardär wurde. In beiden Fällen hängt so viel von den Lebensumständen, den Genen, Talenten, Freunden, den Eltern und der Familie ab, dass man es einfach nicht übertragen kann. Ja klar, beruflich holen wir uns ganz viel Input und lernen gerne von Anderen. Aber in Bezug auf unsere Kinder sollten wir uns mehr auf uns und unser Gefühl verlassen. Denn am Ende werden unsere Kinder am meisten aufblühen, wenn sie sich unserer Nähe und Liebe gewiss sind und sich nicht wie ein durchgeplantes Projekt fühlen.

Natürlich liegt die Verantwortung bei uns Eltern, Impulse zu setzen, das richtige Maß aus Anleitung und eigener Kreativität zu finden und zu fördern. Freies Spiel genauso zu ermöglichen wie sich Zeit für gemeinsame Erlebnisse zu nehmen. Grenzen zu setzen ohne sie in ein Korsett zu zwängen. Geduld zu haben ohne ihnen alles durchgehen zu lassen. Sie zu loben ohne sie zu verherrlichen. Ihnen eine Freude zu machen ohne dass Ausnahmen die Regel und Geschenke tägliche Normalität werden.

Das ist wahnsinnig anstrengend und schwierig. Keine Frage! Es ist eine tägliche Herausforderung, die man nur selten wirklich gut hinbekommt. Aber es sollte der Anspruch sein. Dass man seine Kinder ohne Medikamente, ohne ein Dauerfeuer an Aktivitäten, ohne ständige Arztbesuche und ohne Tranquilizer aufwachsen lässt und sie zwischendurch einfach mal in Ruhe lässt. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Der Stress kommt noch früh genug.

3 Kommentare
  1. Liebe Verena,
    danke dir für diese großartigen Zeilen, die es mal wieder genau auf den Punkt treffen und Stephan und mir aus der Seele sprechen.
    Die gute Nachricht: umso mehr Kinder, desto mehr relax – bei vieren (4!) kannst du dich gar nicht mehr um jeden Pieps kümmern und das ist auch gut so;) Einfach zuschauen, wie die kids miteinander spielen, Spaß haben und sich sogar machmal gegenseitig erziehen, ist echt entspannend!
    In diesem Sinne und nochmals Danke
    Stefanie

  2. 🙂 Ich bin leider ein Kind er 70er. Da gabs noch nicht so viele Theorien und Modelle, in die man Kinder pressen wollte. Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Ich war hyperaktiv. Mal ehrlich… Wer tollt nicht lieber im Freien, anstatt sich ruhig auf einen Stuhl zu setzen, wenn man die Wahl hat…Ich stand in der Grundschule prinzipiell "in der Ecke", weil ich nicht ruhig sitzen konnte. Meine Grundschulempfehlung für die weiterführende Laufbahn lautete: Haupt- oder Realschule. Meine Mutter hat erkannt, dass ich einiges leisten kann und dank eines Aufnahmetests kam ich aufs Gymi.Übrigens habe ich dann ein gutes Abi gemacht und sogar einen Preis gewonnen. Fakt ist: Ich war immer ein unruhiges Kind. Schwimmen, Akkordeon etc. Alles wollte ich anfangen, nur nicht zur Ruhe kommen. Ich war ein Terrorkind. Hätte man mich auf Medikamente gesetzt oder übertherapiert…unvorstellbar. Ich bin übrigens heute noch so. Offen, aktiv, unruhig. Im besten und positivsten Sinn.

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