Frauenquote? Really?

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Das Thema Frauenquote ist (mal wieder) omnipräsent. Eigentlich war es nie weg,  aber jetzt ist es amtlich: Ab 2016 sollen 30% der neu zu besetzenden Aufsichtsratspositionen durch Frauen besetzt werden.

Bisher habe ich mich immer erfolgreich um eine abschließende Meinung zum Thema „Frauenquote“ gedrückt, aber jetzt habe ich plötzlich das Bedürfnis nach einer klaren Position. Gar nicht so einfach.

Ein Selbstversuch.

Die Frauen meiner Generation wollen viel vom Leben und es wird viel von ihnen erwartet. Wir wollen (mal mehr, mal weniger) und sollen Kinder bekommen, gerne mehr als 1,3 und gleichzeitig Karriere machen und die Führungsetagen erobern.

Best of all worlds ist das Ziel.

Überforderung und Selbstzweifel häufig die Realität.

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Aus meiner Sicht werden wir ein modernes Frauenbild in Deutschland prägen und junge Frauen für ihren Weg bewundern und respektieren, wenn wir sie selber entscheiden lassen, welchen Weg sie gehen wollen. Eine kinderlose Top-Managerin kann genau so glücklich werden wie eine Vollzeitmutter, die keinen Beruf ausübt. Eine Mutter, die Teilzeit arbeitet kann genauso erfüllt sein (von Job und Kindern) wie eine Vollzeit-arbeitende Mutter. Entscheidend für das Glück jeder Einzelnen (und damit der Gesellschaft) ist – wie ich bereits schon mal in diesem Blogpost geschrieben habe – , dass wir aufhören Frauen durch Frauenquote und Betreuungsgeld zu bevormunden und ihnen anfangen zuzutrauen, dass sie in der Lage sind ihren Weg selber zu gehen.

Im Gegenzug dürfen wir jungen Frauen uns nicht über mangelnde Chancen beschweren – denn sie sind größer und vielfältiger denn je – sondern unser Leben selbst in die Hand nehmen. Es ist neu, dass wir die Wahl haben. Jetzt müssen wir den Mut haben, die Chancen, die sich bieten, selbstbestimmt zu ergreifen.

Folglich bin ich gegen die Quote.

Denn die Quote überlässt die Entscheidung nicht den Unternehmen und damit den Frauen, sondern führt einen sehr wünschenswerten Zustand mit der Brechstange herbei. Die Quote geht nicht an den Kern des Problems, warum es nicht genug Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten gibt, sondern behandelt die Symptome. Der Kern ist, dass die Arbeitszeitmodelle für Führungskräfte – gerade in Konzernen – viel zu wenig individuell und flexibel auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ausgerichtet sind und Frauen daher sehr früh (zu früh) vor die Entscheidung „Kind oder Karriere“ gestellt werden. Wenn sie diese Entscheidung freiwillig für die eine oder andere Richtung fällen ist alles gut. Wenn sie aber beide Welten kombinieren wollen, fehlen ihnen die Arbeitszeitmodelle, um Karriere und Kinder so zu vereinbaren, dass dieses dauerhaft gut geht. Die Unternehmen müssen dringend ihre Arbeitskultur an die neue Lebensrealität junger Frauen und moderner Familien anpassen, um zukunftsfähig zu bleiben. Denn die Frauen meiner Generation möchten ihren Kindern und ihrem Job gleichermaßen gerecht werden und brauchen dafür Flexibilität und Vertrauen seitens ihres Arbeitgebers. Die jungen Frauen von heute haben genug Motivation, Verantwortungsbewusstsein und Ehrgeiz, dass niemand Sorge tragen muss, sie würden diese Freiheit und Flexibilität ausnutzen. Im Gegenteil: Diese Selbstverantwortung wird sie über sich hinauswachsen lassen, so dass in 5 Jahren niemand mehr von der Quote sprechen wird.

Dann ist da das Thema Wertschätzung.

„Wer möchte schon die Quotilde sein?“ hat Nicola Leibinger-Kammüller sehr richtig gefragt.

Jede Frau, die ab 2016 in den Aufsichtsrat eines Unternehmens berufen wird, wird es nicht als Wertschätzung und Anerkennung ihrer Leistung und Kompetenz empfinden, sondern als staatlichen Automatismus, dass sie dort plötzlich sitzt. Und im Prinzip geht es auch nicht um sie persönlich, sondern eher um ihr Geschlecht. Im besten Fall werden Sätze wie „Ach, die macht sich ja richtig gut. Toll, hätten wir ja gar nicht gedacht“ fallen.  Im schlechtesten Fall wird hinter vorgehaltener Hand gesagt „Das ist ja wohl klar, wie die hier reingerutscht ist“.

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Frauen schaffen das alleine und ohne Quote.

Es gibt so tolle weibliche Vorbilder in allen Bereichen der Gesellschaft – ob in der Politik, in der Wirtschaft, in Kunst oder Kultur. Frauen sind schon längst nicht mehr charmantes Beiwerk, sondern Denkerinnen, Lenkerinnen, Entscheidungsträgerinnen und Gesprächspartnerinnen auf Augenhöhe. Und schon allein unsere demographischen Gegebenheiten werden uns in Zukunft dazu zwingen, unsere Führungspositionen stärker mit Frauen zu besetzen, wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen.

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Wo wir hingegen absoluten Nachholbedarf haben – und da darf die Politik gerne eingreifen, Quoten verhängen und Anreize schaffen – ist viel mehr Mädchen für Naturwissenschaften und Mathematik und junge Frauen für IT- und Ingenieurs-Studiengänge zu begeistern, um überhaupt die Voraussetzungen für Führungspositionen in diesen Branchen zu schaffen. IT zu studieren muss als cool, weiblich, zukunftsorientiert und weltoffen gelten. Programmierer sind die Architekten unseres neuen Jahrtausends und diese Architekten dürfen nicht ausschließlich männlich sein. Wenn wir in Deutschland Frauen fördern möchten, dann sollten wir so früh und gezielt wie möglich ansetzen. Dann wird der Effekt am größten sein.

Natürlich höre ich jetzt ganz Viele ganz laut schreien: Aber es ändert sich doch nichts, deswegen brauchen wir jetzt endlich die Quote!

Nein! Weil es Unternehmen dazu zwingt Frauen zu befördern, die sie nicht befördert hätten und so das Frauenbild in Unternehmen nachhaltig verschlechtert.

Nein! Weil man die Quote nie mehr abschaffen kann, ohne dass es einer Kapitulation gleichkommt.

Nein! Weil Frauen aus eigener Kraft Karriere machen möchten und können und die Quote diese Leistung wertlos macht.

Vielleicht brauchen wir ohne Quote ein paar Jahre länger, um in angemessener Anzahl in Führungspositionen, Vorstands- und Aufsichtsratsposten vertreten zu sein. Vielleicht wird der Weg dadurch etwas steiniger und anstrengender. Oder um es mit Marie Curie zu sagen: „Ich habe gelernt, dass der Weg des Fortschritts weder kurz noch unbeschwerlich ist.“

Aber dann ist es unsere eigene Leistung und ein echter Business Case, dass wir diese Positionen erreicht haben.

„Das Ziel ist das Ziel. Aber der Weg ist mir ebenso wichtig. Vor allem will ich Weg und Ziel selbst wählen können. Und den Weg will ich aus eigener Kraft gehen, das Ziel aus eigener Kraft erreichen. … Und das verstehe ich unter Freiheit. …(Quelle: ON THE ROCKS, Stefan Glowacz)

 

4 Kommentare
  1. Liebe Verena, das wäre zu schön, um wahr zu sein. Ein Traum, wenn es ohne Quote ginge. Aber: das ist wishful thinking! Es wird nicht jetzt und auch nicht später "von alleine" funktionieren. In unserer Branche (Internet) ist es teilweise sogar von Vorteil, eine Frau zu sein, um als Startup-Queen gehyped zu werden. In der old economy (die ja immer noch den Großteil ausmacht) sieht das allerdings ganz anders aus. Da kommen Frauen nur in Ausnahmefällen an die Spitze. Und das liegt nicht etwa an unflexiblen Arbeitszeitmodellen, sondern ganz einfach am old buddy network der Männer und der sogenannten gläsernen Decke – und das ist eine Frage der Unternehmenskultur und von zu wenigen Frauen in der Führungsetage, die weitere Frauen promoten und sich gegenseitig "Gesellschaft leisten". Welche Frau will sich denn schon in einer Reihe aus Anzugträgern mit männlichem Machtgehabe behaupten müssen? Unabhängig von Kind und Familie WOLLEN viele Frauen das einfach nicht, weil aktuell dort oben die Luft ziemlich dünn und vor allem auch ziemlich einseitig ist.

    Ich bin für die Quote, weil wir ohne Quote niemals das erreichen werden, was wir wollen – Gleichberechtigung. Und dafür müssen die Umfelder erstmal so gestaltet werden, dass Frauen überhaupt klassisch Karriere machen WOLLEN und nicht lieber in die Selbständigkeit, ein weiblich-kreativeres Umfeld oder eben ins Mutterdasein flüchten.

    Ja, die erste Generation der Quotenfrauen wird es schwer haben und es wird unzählige Vorurteile und vorgefertigte Meinungen zur Quotilde geben. Aber da müssen wir durch!

  2. Letztens habe ich zufällig in einem Geschäft ein Telefonat mitgehört, in dem die telefonierende Frau für eine Position gewonnen werden sollte. Die Frau zögerte, hörte sich das Angebot eine Weile an und sagte dann: "Ich will aber nicht Eure Quotenfrau sein!". Wie furchtbar ist das denn? Wie klein werden Frauen gemacht durch den Generalverdacht, dass sie nicht aufgrund ihrer Leistung oder Qualifikation umworben werden, sondern aufgrund ihres Geschlechts. Und dieser Generalverdacht setzt sich dann auch noch in den Köpfen der Frauen selbst fest: "Ich habe diesen Job doch nur, weil ich eine Frau bin." So werden die Frauen sicher nicht gestärkt und ermutigt.

  3. Zwei Gedanken noch dazu: es ist ja nicht so, dass immer die bestqualifizierten Männer in ihren Chefsesseln sitzen – das sind ja oft auch Quotenmänner (von politischen Netzwerken ..!), und: wenn sich ein Land ein gesellschaftliches Ziel setzt (Gleichberechtigung), und es geht dabei nichts weiter, müssen irgendwann – wie in modernen Unternehmen – Controllinginstrumente geschaffen werden, die eine Zielerreichung sicherstellen. Nachzulesen z:B. in "Gender Balance" von Peter Jedlicka.

    Beste Grüße, Ilona

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