Archiv für die Kategorie „Arbeitsmarkt“

Wie Firmen künftig die besten Mitarbeiter finden

Freitag, 21. August 2015

Es ist eigentlich egal wen man fragt. Ob Mittelständler, DAX-Konzern oder Startup. Die Antwort auf die Frage, was der wichtigste Erfolgsfaktor des Unternehmens sein wird, lautet einstimmig: Die Rekruitierung erstklassiger Mitarbeiter.

Land auf, Land ab wird diskutiert, wie Unternehmen ihr Rekruiting verbessern können im immer stärker werdenden Kampf um die besten Talente. Doch häufig gehen die Maßnahmen der Unternehmen an den Wünschen und Wertvorstellungen der Mitarbeiter vorbei. Wenn man die Menschen fragt, die in Massen in die Startups vor allem in Berlin, Hamburg, München und Köln strömen, warum sie sich für einen Job in diesen jungen Unternehmen entscheiden, statt in größere, traditionelle Unternehmen zu gehen, dann bekommt man spannende Antworten.
Antworten, die zeigen, dass Mitarbeitergewinnung immer anspruchsvoller und vielschichtiger wird.
Und Antworten, die zeigen, dass das Erfolgsgeheimnis, warum sich Menschen für ein bestimmtes Unternehmen entscheiden, immer häufiger die Unternehmenskultur ist. Und zwar nicht die am Reißbrett entworfene, sondern die im Alltag gelebte.
Sie wird zum Maßstab aller Dinge. Sie muss zu den eigenen Überzeugungen passen. Sie muss sich mit den eigenen Werten im Einklang befinden, damit es beim Mitarbeiter wirklich klickt. Aber was sind die Wertvorstellungen und Wünsche, die Menschen heute an ihren Arbeitgeber richten?

Constanze Buchheim, die Gründerin von ipotentials hat es sehr schön gesagt: Macht über die eigene Zeit haben zu können und der Wunsch, Lebenszeit entlang der eigenen Wertvorstellungen einzusetzen, sind in unserer Wahrnehmung zwei der wichtigsten Faktoren bei der heutigen Jobwahl.

Und so wird immer wichtiger, die Bedürfnisse und Wertvorstellungen potentieller Mitarbeiter zu kennen, um diese für sich gewinnen zu können:

  • Selbstbestimmung ist das neue Statussymbol: Diejenigen, die in Positionen arbeiten, in denen sie selbstbestimmt agieren und sich entwickeln können, haben es ‚geschafft‘.
  • (Lebens-)Zeit wird zum höchsten Gut: Sabbaticals und andere zeitliche Freiräume wie Home Office Lösungen, Personal Days oder ähnliches sind unendlich wertvoll für den Mitarbeiter. Die flexible Arbeitszeitgestaltung wird zum zentralen Ansatzpunkt im Anreizsystem. Output ist wichtiger als Input.
  • Arbeitsortgestaltung: Mitarbeiter sind nicht mehr bereit, das eigene soziale Leben für schlechte Standorte aufzugeben oder den Großteil eines Tages an einem ungemütlichen Ort zu verbringen. Standorte und Bürogestaltungen werden zum Wettbewerbsfaktor. Die Qualität der Kaffeemaschine und die Wahlmöglichkeit des Arbeitsgeräts (Mac, iPhone etc.) wird zum Entscheidungskriterium.
  • Wertekongruenz und Identifikation: Kandidaten möchten eher bei den Unternehmen arbeiten, deren Wertesysteme ihrem eigenen sehr ähnlich sind und deren Vision und Mission sie somit mittragen wollen, damit die Lebenszeit sinnvoll eingesetzt ist. Private und berufliche Gedankenwelten verschmelzen, weil beide Bereiche für den Mitarbeiter identisch wertvoll sind. Dennoch oder gerade deshalb wird darauf geachtet, dass Zeit für Privates nicht zu kurz kommt.
  • Geld verliert Steuerungskraft: Geld ist nicht weniger wichtig, aber niemand ist mehr bereit, die eigenen Werte für mehr Geld zu verkaufen. Dennoch ist das Gehalt und seine Entwicklung weiterhin ein Maßstab für Erfolg und Wertschätzung.
  • Status verliert an Bedeutung: Status ist per se dem Wunsch nach Augenhöhe gegenläufig, daher wird er immer stärker abgelehnt. Besitz ist kein Statussymbol mehr, sondern belastet vielmehr. Die Bahncard wird dem Dienstwagen vorgezogen.
  • Titel werden unwichtig: Führungsanspruch entsteht aus Vertrauen und Kompetenz, nicht durch Ernennung. Titel werden daher unbedeutend. Eventuell werden Führungskräfte in wenigen Jahren vielleicht sogar gewählt.
  • Entwicklungsmöglichkeiten: Wunsch nach stetiger Entwicklung entspringt der Überlegung, das Beste aus dem Leben zu machen und sich stets Wahlmöglichkeiten zu erhalten. Entwicklung bedeutet aber nicht immer Drang zu führen. Aufstieg wird nicht um jeden Preis erwünscht.
  • Management mit Vertrauen: Es wird unnötig – Wertekongruenz vorausgesetzt – den Mitarbeiter zu kontrollieren, weil er ein Eigeninteresse am Ergebnis hat. Aus diesem Grund ist auch eine zu starke Arbeitszeitregulierung nicht mehr nötig, Mitarbeiter wünschen sich auch vor dem Hintergrund ihres Selbstbildes und des privaten Fokus Selbstbestimmung mit Blick auf die Arbeitszeitgestaltung. Der Wunsch auf Augenhöhe im Unternehmen behandelt zu werden ist stark ausgeprägt. Entsprechend ist eine Anpassung der Kommunikation zwischen Führungskraft und Mitarbeiter und eine partnerschaftliche Führungsbeziehung wichtig.
  • Innovationsstärke: Niemand will mehr in ‘angestaubten’ Umfeldern arbeiten mit veralteten Methoden und Werkzeugen – innovative Unternehmen haben es definitiv einfacher gute Leute zu bekommen, weil sie eine bessere Reputation haben und Arbeit dort mehr Spaß macht und einfacher ist.

Risikoscheue Deutsche – warum wir so wenig gründen

Freitag, 12. Juni 2015

Die jüngsten Meldungen über den Einstieg von Ausländern in deutsche Start-ups täuschen darüber hinweg, dass Europas wichtigste Volkswirtschaft noch immer keine Hochburg der Entrepreneure ist. 

Wer wie ich in Berlin-Mitte lebt, kann schnell zu dem Schluss kommen, dass in Deutschland ein Gründungs-Boom herrscht und dass jeder junge Mensch davon träumt, Unternehmer zu werden. Politiker sehen deshalb wenig Handlungsbedarf,  das Thema Unternehmertum auf die Agenda zu setzen. Denn es scheint, als liefe das inzwischen von selbst.

Doch das ist mehr Schein als Sein.

Denn laut des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) nimmt die Bereitschaft zur Gründung eines eigenen Unternehmens in Deutschland ab. „Deutschland steckt in einer Gründungsmisere“, sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer Ende Mai 2015.

Woran liegt es, dass immer weniger gegründet wird und junge Menschen vieles werden wollen  - nur nicht Unternehmer?

Der Hauptgrund liegt meiner Meinung nach in unserer risiko-aversen Mentalität und in der geringen gesellschaftlichen Akzeptanz der Unternehmer.

Wir Deutschen scheuen das Risiko. Dafür gibt es viele Indikatoren, nicht zuletzt der niedrige Anteil der Aktionäre hier zu Lande. Wenn wir zwischen Sicherheit und Risiko sowie den damit verbundenen Chancen wählen sollen, entscheiden wir uns bei der Berufswahl und Geldanlage meistens für Sicherheit. Das ist unsere Komfortzone, außerhalb dieser schlafen wir schlecht.

Hinzu kommt, dass Unternehmer in Deutschland wenig Lobby und Ansehen haben. Sie werden häufig in eine Ecke mit „den Reichen“ gestellt oder mit Erben verwechselt. Wir reagieren auf Unternehmer eher mit Neid und Missgunst, denn mit Stolz und Bewunderung. Wenn Unternehmer scheitern, fühlen wir uns bestätigt, dass ins Risiko zu gehen eher dumm ist als mutig.

Was aber kann man tun, um diese tiefverwurzelten Vorurteile zu entkräften? Wie kann man einen Kulturwandel herbeiführen?

Wir müssen früh anfangen, etwas zu ändern.

Das beginnt mit den Schulen. Hier sollten wir Unternehmerkultur lehren und erlebbar machen. Daran fehlt es fundamental. Fächer wie Wirtschaftskunde behandeln Fallstudien etwa über Konzerne, klammern aber Mittelständler und  Start-ups aus.

Dabei wäre es wichtig, dass schon junge Menschen – unabhängig von Bildung und Beruf der Eltern – Unternehmertum überhaupt als Option kennen lernen und als persönliche Chance begreifen: egal ob als Inhaber eines kleinen Gastronomiebetriebs, eines Einzelhandelsladens, eines Handwerksbetriebs oder einer IT-Firma. Sie alle sind Unternehmer, schaffen Arbeitsplätze und gehen ins Risiko mit der Chance,  langfristig auf eigenen Beinen zu stehen.

Im Mai war ich beim „Girls Day“ im Bundeswirtschaftsministerium und habe dort vor rund 100 Mädchen im Alter von 15 bis 17 Jahren aus meinem Alltag als Unternehmerin berichtet. Auf meine Frage, wer von den Mädchen später ein eigenes Unternehmen haben wolle, meldeten sich fünf.

Das ist die Realität in Deutschland. „Kein Geld“, „zu viel Risiko“ und „keine Ahnung wie das geht“ waren die häufigsten Begründungen.

Da müssen wir ran, wenn wir Unternehmertum in Deutschland massentauglich machen wollen. Wir müssen junge Menschen schon früh ermutigen und befähigen, sich selbständig zu machen.

Der zweite Grund, warum es in Deutschland zu wenig Gründer gibt, ist aus meiner Sicht der schwierige Zugang zu Kapital. Und das auf allen Ebenen.

Die Bundesregierung hat beispielsweise die Vergabe des staatlichen Gründungszuschusses vor vier Jahren massiv eingeschränkt. Prompt ging die Zahl der Gründungsgespräche bei den dafür zuständigen staatlichen Stellen deutlich zurück. Öffentliche Förderprogramme  wie die der staatlichen Bank KfW sind zu bürokratisch; viele sind unbekannt, schwer zugänglich und so komplex, dass sie insbesondere Neugründer eher abschrecken als ermutigen.

Ein neues Gesetz, dessen Entwurf vorliegt, würde Business Angels schwächen, die für Gründer in der frühen Unternehmensphase absolut lebenswichtig sind. Dieses Gesetz zur sogenannten Streubesitzdividende, das verhindern würde, dass Business Angels ihre Gewinne aus Beteiligungen wieder in risikoreiche Frühphasen-Investments reinvestieren würden, gilt in der Start-up-Szene inzwischen als Anti-Angel-Gesetz.

Sollte das Gesetz in diesem Jahr in der jetzigen Form verabschiedet werden, würde es die Seed-Finanzierung, also die Anfangsfinanzierung von Start-ups, in Deutschland ganz massiv beeinträchtigen. Denn gerade in der Anfangsphase ist es für  Gründer schwer, Geld von institutioneller Seite zu bekommen, ob vom Staat,  von Finanziers wie Banken oder von Risikokapitalgebern. Denn für sie ist die Gefahr oft zu groß, dass diese jungen Unternehmen scheitern. Deshalb sind Business Angels extrem wichtig, um Gründern Geld für den Start zu geben, aber besonders auch, um  Knowhow und ein Netzwerk zur Verfügung  zu stellen. Wird diese Finanzierungsquelle, wie zu befürchten ist, ausgetrocknet, dürften die Gründungen weiter zurückgehen.

Auch bei der Wachstumsfinanzierung für junge Unternehmen hinkt Deutschland international hinterher. 2013 betrugen die gesamten Investitionen von Risiko-Kapital, also Venture Capital, 700 Millionen Euro. Das sind nicht einmal 0,03 Prozent des Bruttoinlandprodukts, gegenüber 0,2 Prozent in den USA und 0,3 Prozent in Israel. Das zeigt, wie schwer es für Gründer in Deutschland ist, ohne Sicherheiten an Geld zur Finanzierung des Wachstums zu kommen.

Wenn wir die Rahmenbedingungen für die Finanzierung von Neugründungen nicht verbessern, dürfen wir uns nicht wundern, wenn vielen schon vor der eigentlichen Gründung des Unternehmens die Luft ausgeht, weil der Zugang zu ausreichend Kapital fehlt.

Der letzte Punkt, der meiner Meinung nach Unternehmensgründungen in Deutschland behindert, ist die staatlich geforderte überbordende Bürokratie gerade in der Anfangsphase eines Unternehmens.

Klar, es handelt sich nicht um unüberwindbare Hindernisse und jeder, der Geld, Idee und ein Team beisammen hat, wird sich von der Bürokratie einer Gründung nicht abschrecken lassen. Aber machen wir es doch bitte den Menschen nicht unnötig schwer.

In Deutschland zu gründen dauert deutlich länger und ist viel komplexer als in vielen anderen europäischen Ländern. Warum gibt es nicht einfach ein Unternehmer-Helpdesk bei den Behörden, das Gründern bei allen Schritten hilft und sie im Idealfall gleich mit anderen Gründern vernetzt. Statt dass sich jeder Gründer auf eigene Faust einen Anwalt für die Gesellschaftsverträge und die Satzung, einen Notar, einen Buchhalter, einen Steuerberater und ein Lohnbüro suchen muss, könnten diese Dienstleistungen zentral angeboten werden und so die Hemmschwellen bei einer Gründung deutlich verringert werden.

Wir sind also gut beraten, die bürokratischen Anforderungen an Gründer zu reduzieren, statt diese mit neuen Dokumentationspflichten wie beim Mindestlohn oder beim Monster Arbeitsstättenverordnung abzuschrecken. „Weniger ist mehr“ sollte es bei den administrativen  Pflichten heißen und „so viel wie möglich“ bei den Finanzierungsmöglichkeiten – nicht andersherum.

Frauenquote? Really?

Dienstag, 10. Dezember 2013

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Das Thema Frauenquote ist (mal wieder) omnipräsent. Eigentlich war es nie weg,  aber jetzt ist es amtlich: Ab 2016 sollen 30% der neu zu besetzenden Aufsichtsratspositionen durch Frauen besetzt werden.

Bisher habe ich mich immer erfolgreich um eine abschließende Meinung zum Thema „Frauenquote“ gedrückt, aber jetzt habe ich plötzlich das Bedürfnis nach einer klaren Position. Gar nicht so einfach.

Ein Selbstversuch.

Die Frauen meiner Generation wollen viel vom Leben und es wird viel von ihnen erwartet. Wir wollen (mal mehr, mal weniger) und sollen Kinder bekommen, gerne mehr als 1,3 und gleichzeitig Karriere machen und die Führungsetagen erobern.

Best of all worlds ist das Ziel.

Überforderung und Selbstzweifel häufig die Realität.

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Aus meiner Sicht werden wir ein modernes Frauenbild in Deutschland prägen und junge Frauen für ihren Weg bewundern und respektieren, wenn wir sie selber entscheiden lassen, welchen Weg sie gehen wollen. Eine kinderlose Top-Managerin kann genau so glücklich werden wie eine Vollzeitmutter, die keinen Beruf ausübt. Eine Mutter, die Teilzeit arbeitet kann genauso erfüllt sein (von Job und Kindern) wie eine Vollzeit-arbeitende Mutter. Entscheidend für das Glück jeder Einzelnen (und damit der Gesellschaft) ist – wie ich bereits schon mal in diesem Blogpost geschrieben habe – , dass wir aufhören Frauen durch Frauenquote und Betreuungsgeld zu bevormunden und ihnen anfangen zuzutrauen, dass sie in der Lage sind ihren Weg selber zu gehen.

Im Gegenzug dürfen wir jungen Frauen uns nicht über mangelnde Chancen beschweren – denn sie sind größer und vielfältiger denn je – sondern unser Leben selbst in die Hand nehmen. Es ist neu, dass wir die Wahl haben. Jetzt müssen wir den Mut haben, die Chancen, die sich bieten, selbstbestimmt zu ergreifen.

Folglich bin ich gegen die Quote.

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Warum ich für Alice Schwarzer schwarz sehe

Donnerstag, 11. November 2010

Die Feminismus-Debatte zwischen Alice Schwarzer und Kristina Schröder diese Woche hat sicherlich so manchen verwundert oder nachdenklich gemacht. Und Viele haben sich bestimmt auch gefragt, worum es hier eigentlich geht? Da streitet sich die wohl prominenteste Feministin Deutschlands mit einer sehr bekannten Frau in der Politik unseres Landes um die Rolle der Frau.

Ich nehme das mal zum Anlass, um klar Stellung zu beziehen. Das ist gefährlich, mag einseitig, überspitzt oder verallgemeinernd wirken. Ich mache es aber trotzdem. Weil ich es darf und Frau Schröder offensichtlich nicht. Und weil es mir die Chance gibt, diese Thematik hoffentlich sachlich und unideologisch mit Euch zu diskutieren ohne die Polemik politischer Coleur oder die Sensationslust der Medien.

Meine Meinung ist klar: Alice Schwarzer hat ein harmloses, vernünftiges und keinesfalls polarisierendes Interview von Kristina Schröder dafür missbraucht PR in eigener Sache zu machen. Ein „offener Brief“ an die Familienministerin! Und warum? Weil Frau Schröder gesagt hat, dass sie feministische Thesen über die sexuelle Unterwerfung der Frau nicht nachvollziehen kann? Und weil sie gesagt hat, dass wir Frauen an der Lohnungerechtigkeit ein Stück weit selbst Schuld sind? Und weil sie die Frauenquote ablehnt?

Wohl kaum.

Der wahre Grund hinter dieser Debatte ist viel mehr das Hauptproblem von Frauen untereinander: Dass sie einander beneiden und sich so wahnsinnig schwer tun, die Leistung anderer Frauen anzuerkennen und ihnen den Erfolg oder Ruhm zu gönnen. Sie gehen mit anderen Frauen viel härter ins Gericht als mit Männern.

Und warum?

Weil Alice Schwarzer & Co. sich nicht eingestehen wollen, dass die jungen und modernen Frauen kein feministisches Manifest mehr benötigen, um im Leben zu bestehen, sondern ihren Weg selbstbewusst, unideologisch und unverkrampft gehen wollen. Weil sie nicht wahrhaben können, dass heutzutage hinter starken und erfolgreichen Frauen in der Regel eher mutige, partnerschaftliche und starke Männer als Feministinnen stehen.  Jahrzehntelang hatten sie etwas für das (bzw. wogegen) sie kämpfen konnten. Das Patriarchat, Ungleichheit, Ungerechtigkeit, Unterdrückung. Und plötzlich müssen sie feststellen, dass die jungen Frauen nicht mehr mitkämpfen wollen. Natürlich liegt der Vorwurf der „Undankbarkeit“ dann nahe. Der häufigste Vorwurf lautet daher, dass wir jungen und unabhängigen Frauen uns auf den Errungenschaften des Feminismus ausruhen, diese für selbstverständlich nehmen und vergessen wem wir diese zu verdanken haben.

Ok, kann ich nachvollziehen. Ihr habt toll gekämpft, danke.

Aber der Feminismus (wenn man ihn überhaupt so nennen möchte) hat sich verändert. Es geht heute viel mehr um den Anspruch, dass Mann und Frau die Chance haben, denselben Lebensweg zu gehen. Und nicht mehr um den Kampf gegen das Patriarchat. Die alten Thesen passen nicht mehr zu unserem heutigen Weltbild und wir können und wollen uns damit auch gar nicht mehr identifizieren. Wir sind stolze und selbstbewusste Frauen, nicht stolze und selbstbewusste Feministinnen.

Unser Geschlecht ist uns nicht mehr so wichtig, wir definieren uns über andere Dinge.

Natürlich gibt es diverse Voraussetzungen, die wir gerade in Deutschland noch verbessern müssen, um die Chancen für denselben Lebensweg von Männern und Frauen zu schaffen und das Potential von Frauen für unsere Gesellschaft und unser Wirtschaftsleben noch viel besser zu nutzen:

Mehr Kinderbetreuungsmöglichkeiten, mehr Akzeptanz für berufstätige Mütter, mehr Respekt unter Frauen unabhängig vom Lebensmodell, mehr Vertrauen in die Stärken und Kompetenzen von Frauen. Aber die lösen wir nicht mit politischen Richtlinien und Gesetzen für Lohngleichheit, Frauenquote und einer Verlängerung des Mutterschutzes.

Denn ich stimme Kristina Schröder absolut zu, wenn Sie sagt, dass Frauen eine Mitschuld daran tragen, dass sie weniger verdienen. „Viele Frauen studieren gerne Germanistik und Geisteswissenschaften, Männer dagegen Elektrotechnik – und das hat eben auch Konsequenzen beim Gehalt“. Doch die Wahl des Studiengangs ist nur ein Teil des Grundes für Lohnungleichgewicht. Ein viel gewichtigerer Grund ist, dass die meisten Frauen sich einfach unter Wert verkaufen. Ich verallgemeinere und überspitze jetzt mal ganz bewusst, um diesen Punkt ganz deutlich zu machen:

Eine Frau stellt ihr Licht gerade in Bewerbungs- , Beförderungs- und Gehaltsgesprächen permanent unter den Scheffel. Auf die Frage „Haben Sie einen solchen Job schon mal gemacht?“ antwortet sie viel zu ehrlich: „Nein, habe ich noch nicht, aber ich bin mir sicher, dass ich das nach einer intensiven Einarbeitungsphase mit parallelem Selbststudium evtl. hoffentlich vielleicht schaffen könnte“.

Ein Mann antwortet: „Ja“.

Nächstes Beispiel. Ein Mann und eine Frau haben bisher beide 48.000 Euro Bruttogehalt verdient und bewerben sich auf dieselbe Stelle. Im Gespräch wird die Frau gefragt: „Was möchten Sie verdienen?“ Ihre Antwort: „ Zur Zeit verdiene ich 48.000 Euro würde mich aber gerne ein bisschen steigern, wenn das ginge. Antwort: „Das geht leider nicht“. Darauf die Frau: „Kein Problem, Gehalt ist für mich auch nicht so wichtig, ich würde den Job dennoch gerne machen.“

Die Antwort des Mannes auf dieselbe Frage: 60.000 Euro.

Und schon verdient er 25% mehr als die Frau.

Sehr überspitzt, ich weiß, aber viel zu oft die Realität, wie ich in diversen Gesprächen mit Bewerbern oder im Freundes- und Bekanntenkreis schon oft mitbekommen habe.

Was ich mit dem Beispiel deutlich machen möchte? Wir müssen Frauen viel mehr helfen, sich selbst zu helfen (oder vor sich selbst zu schützen) als sie mit ideologischen Parolen zu indoktrinieren.

Der Kampf der traditionellen Feministinnen ist gekämpft.

Nun ist es an jeder einzelnen Frau, das für sie Beste und Meiste aus ihrem Leben herauszuholen. Denn Chancengleichheit definiert sich heutzutage für mich darüber, dass wir Frauen alleine entscheiden dürfen, welchen Weg wir gehen wollen. Ohne Regeln, ohne Vorschriften, ohne Grenzen. Keiner sagt mehr, wie es sein muss. Ob wir uns für Karriere, Familie oder beides entscheiden, liegt in unserem eigenen Ermessen. Die große Herausforderung besteht lediglich darin, dass wir einander diesen Freiraum lassen. Und ihn akzeptieren, respektieren und hoffentlich sogar bewundern.

Das fällt bisher eher den Frauen schwer. Nicht den Männern.

Wer Zuwanderung stoppt wird Abwanderung ernten

Dienstag, 12. Oktober 2010

Wer zur Zeit über Zuwanderung und Integration spricht begibt sich auf ein Minenfeld. Denn jeder interpretiert das Thema so wie er es verstehen möchte und eine sachliche Diskussion ist kaum möglich. Ich möchte trotzdem darüber schreiben. Und zwar, weil mir das Thema Zuwanderung seit einigen Wochen mehr denn je am Herzen liegt. Und das liegt daran, dass bei Panfu zwanzig verschiedene Nationalitäten arbeiten und über die Hälfte unserer Mitarbeiter nicht aus Deutschland kommen.

Tendenz steigend.

Ich bin stolz darauf, dass wir bei Panfu nicht über Integration reden, sondern sie leben. Mein großer Wunsch ist, dass internationales, multikulturelles Arbeiten in Deutschland nicht die Ausnahme, sondern die Regel wird. Weil es ein Mehrwert für alle Beteiligten ist.

Denn ohne Zuwanderer wäre unser Unternehmen nicht da, wo es heute ist. Ohne unsere ausländischen Fachkräfte hätten wir kaum eine IT, kein Business Intelligence department, kaum Graphiker und nur wenig Game Designer.

Zuwanderung und Integration sind in einem solchen Arbeitsumfeld keine abstrakten Themen, sondern unser tägliches Leben. Bei zwanzig verschiedenen Nationalitäten hat man keinen Integrations-Masterplan. Man beschließt einfache Dinge, die Integration begünstigen. Nämlich, dass die Unternehmenssprache Englisch ist, damit die Fachkräfte sofort losarbeiten können. Und dass es zwei Mal pro Woche Deutschunterricht im Büro gibt. Alles weitere entsteht von selbst.

Alle bei uns im Unternehmen wissen, dass es nur miteinander geht und keiner sieht unsere bunte Mitarbeiter-Mischung als Risiko. Sondern allein als Chance. Denn diese Mischung bietet uns Allen die Möglichkeit mitten in Deutschland international arbeiten zu können. Wir Deutschen müssen nicht auswandern, um die Vorteile von internationalen teams erleben zu dürfen, dafür durften und wollten unsere ausländischen Mitarbeiter zuwandern. Ein absoluter Traum. Nicht nur für uns.

Denn stellt Euch folgende headline vor:

Hochqualifizierte Menschen wandern nach Deutschland ein und hochqualifizierte Deutsche wandern nicht mehr ins Ausland ab.

Der bestcase für Deutschland. Und leider in keinster Weise die Realität.

Denn im vergangenen Jahr wanderten 721.000 Menschen nach Deutschland ein, zugleich zogen aber 734.000 fort.

Und obwohl die Fakten auf der Hand liegen, dass wir – nicht nur aufgrund des Geburtenrückgangs – qualifizierte Zuwanderung brauchen, wird Zuwanderung von Herrn Seehofer pauschal abgetan mit den Worten:

“Es ist doch klar, dass sich Zuwanderer aus anderen Kulturkreisen, wie aus der Türkei und arabischen Ländern, insgesamt schwerer tun. Daraus ziehe ich auf jeden Fall den Schluss, dass wir keine zusätzliche Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen brauchen.”

Das ist in dreierlei Hinsicht dumm.

Erstens senden wir damit das Signal an ausländische Fachkräfte „Wir wollen Euch nicht mehr“. Damit schaden wir leider nur uns selbst, denn uns gehen wertvolle Ressourcen verloren und andere Ländern nehmen diese Fachkräfte mit offenen Armen auf.

Zweitens haben wir einen akuten Fachkräftemangel in Deutschland und die bessere Förderung der inländischen Ressourcen kann maximal eine begleitende Maßnahme aber keine Lösung sein. Schon gar keine kurzfristige.

In der heutigen Weltkompakt steht dazu sehr treffend:

Eklatant zeigt sich der Mangel bei Ingenieuren und IT-Spezialisten. Selbst im Krisenjahr 2009, so klagt der Verein Deutscher Ingenieure, konnten 34.000 Ingenieurstellen nicht besetzt werden. 3,4 Milliarden Euro habe dies der Gesamtwirtschaft gekostet. In Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik fehlten nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft im Juni 2010 bereits 65.000 Fachkräfte. Es mangelt aber nicht nur an Hochqualifizierten für die Industrie, Engpässe gibt es nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit auch bei Ärzten und Altenpflegern, bei Lehrern, Elektrikern und in den Metallberufen.

Nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags beklagen 70 Prozent der Unternehmen Probleme bei der Besetzung von Stellen. Der Mangel dürfte sich noch verschärfen. Wegen des Geburtenrückgangs geht das Arbeitskräftepotenzial bis zum Jahr 2030 um sechs Millionen Menschen zurück. Nötig seien mindestens netto 500.000 mehr Menschen pro Jahr, um unsere Wirtschaftskraft zu sichern, meint Zimmermann vom DIW.

Drittens bezieht sich Seehofer auf einen Zustand, den es gar nicht gibt: den massenhaften Andrang von ausländischen Arbeitskräften. Wir haben kein Zuwanderer-, sondern ein Abwanderer-Problem. Und das lösen wir nicht, in dem wir Zuwanderung unterbinden.

Viel mehr muss die Politik aufpassen, dass ihre Aussagen zum Stopp der Zuwanderung nicht zur Auswanderung führen. Denn wenn Jobs freibleiben, weil wir sie mit Menschen aus Deutschland nicht besetzen können und mit Menschen aus dem Ausland nicht besetzen wollen, gefährdet das unsere Unternehmen und den Wirtschaftsstandort. Denn dann wandern Unternehmen ab und finden ihre Mitarbeiter im Ausland. Vor allem auch qualifizierte deutsche Mitarbeiter.

Denn die dürfen in andere Ländern einwandern.

Beiträge zu diesem Thema in den Medien:

Der ZDF-Beitrag über Panfu zu diesem Thema: Zuwanderung von Fachkräften

Der ARD-Beitrag über Panfu zur Zuwanderungsdebatte: Streit über Zuwanderung

Der Artikel in der Berliner Morgenpost zum Thema: Warum Deutschland Zuwanderer benötigt

Der Artikel in der Welt am Sonntag: Deutschlands gefährliche Zuwanderungslüge