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Risikoscheue Deutsche – warum wir so wenig gründen

Freitag, 12. Juni 2015

Die jüngsten Meldungen über den Einstieg von Ausländern in deutsche Start-ups täuschen darüber hinweg, dass Europas wichtigste Volkswirtschaft noch immer keine Hochburg der Entrepreneure ist. 

Wer wie ich in Berlin-Mitte lebt, kann schnell zu dem Schluss kommen, dass in Deutschland ein Gründungs-Boom herrscht und dass jeder junge Mensch davon träumt, Unternehmer zu werden. Politiker sehen deshalb wenig Handlungsbedarf,  das Thema Unternehmertum auf die Agenda zu setzen. Denn es scheint, als liefe das inzwischen von selbst.

Doch das ist mehr Schein als Sein.

Denn laut des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) nimmt die Bereitschaft zur Gründung eines eigenen Unternehmens in Deutschland ab. „Deutschland steckt in einer Gründungsmisere“, sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer Ende Mai 2015.

Woran liegt es, dass immer weniger gegründet wird und junge Menschen vieles werden wollen  - nur nicht Unternehmer?

Der Hauptgrund liegt meiner Meinung nach in unserer risiko-aversen Mentalität und in der geringen gesellschaftlichen Akzeptanz der Unternehmer.

Wir Deutschen scheuen das Risiko. Dafür gibt es viele Indikatoren, nicht zuletzt der niedrige Anteil der Aktionäre hier zu Lande. Wenn wir zwischen Sicherheit und Risiko sowie den damit verbundenen Chancen wählen sollen, entscheiden wir uns bei der Berufswahl und Geldanlage meistens für Sicherheit. Das ist unsere Komfortzone, außerhalb dieser schlafen wir schlecht.

Hinzu kommt, dass Unternehmer in Deutschland wenig Lobby und Ansehen haben. Sie werden häufig in eine Ecke mit „den Reichen“ gestellt oder mit Erben verwechselt. Wir reagieren auf Unternehmer eher mit Neid und Missgunst, denn mit Stolz und Bewunderung. Wenn Unternehmer scheitern, fühlen wir uns bestätigt, dass ins Risiko zu gehen eher dumm ist als mutig.

Was aber kann man tun, um diese tiefverwurzelten Vorurteile zu entkräften? Wie kann man einen Kulturwandel herbeiführen?

Wir müssen früh anfangen, etwas zu ändern.

Das beginnt mit den Schulen. Hier sollten wir Unternehmerkultur lehren und erlebbar machen. Daran fehlt es fundamental. Fächer wie Wirtschaftskunde behandeln Fallstudien etwa über Konzerne, klammern aber Mittelständler und  Start-ups aus.

Dabei wäre es wichtig, dass schon junge Menschen – unabhängig von Bildung und Beruf der Eltern – Unternehmertum überhaupt als Option kennen lernen und als persönliche Chance begreifen: egal ob als Inhaber eines kleinen Gastronomiebetriebs, eines Einzelhandelsladens, eines Handwerksbetriebs oder einer IT-Firma. Sie alle sind Unternehmer, schaffen Arbeitsplätze und gehen ins Risiko mit der Chance,  langfristig auf eigenen Beinen zu stehen.

Im Mai war ich beim „Girls Day“ im Bundeswirtschaftsministerium und habe dort vor rund 100 Mädchen im Alter von 15 bis 17 Jahren aus meinem Alltag als Unternehmerin berichtet. Auf meine Frage, wer von den Mädchen später ein eigenes Unternehmen haben wolle, meldeten sich fünf.

Das ist die Realität in Deutschland. „Kein Geld“, „zu viel Risiko“ und „keine Ahnung wie das geht“ waren die häufigsten Begründungen.

Da müssen wir ran, wenn wir Unternehmertum in Deutschland massentauglich machen wollen. Wir müssen junge Menschen schon früh ermutigen und befähigen, sich selbständig zu machen.

Der zweite Grund, warum es in Deutschland zu wenig Gründer gibt, ist aus meiner Sicht der schwierige Zugang zu Kapital. Und das auf allen Ebenen.

Die Bundesregierung hat beispielsweise die Vergabe des staatlichen Gründungszuschusses vor vier Jahren massiv eingeschränkt. Prompt ging die Zahl der Gründungsgespräche bei den dafür zuständigen staatlichen Stellen deutlich zurück. Öffentliche Förderprogramme  wie die der staatlichen Bank KfW sind zu bürokratisch; viele sind unbekannt, schwer zugänglich und so komplex, dass sie insbesondere Neugründer eher abschrecken als ermutigen.

Ein neues Gesetz, dessen Entwurf vorliegt, würde Business Angels schwächen, die für Gründer in der frühen Unternehmensphase absolut lebenswichtig sind. Dieses Gesetz zur sogenannten Streubesitzdividende, das verhindern würde, dass Business Angels ihre Gewinne aus Beteiligungen wieder in risikoreiche Frühphasen-Investments reinvestieren würden, gilt in der Start-up-Szene inzwischen als Anti-Angel-Gesetz.

Sollte das Gesetz in diesem Jahr in der jetzigen Form verabschiedet werden, würde es die Seed-Finanzierung, also die Anfangsfinanzierung von Start-ups, in Deutschland ganz massiv beeinträchtigen. Denn gerade in der Anfangsphase ist es für  Gründer schwer, Geld von institutioneller Seite zu bekommen, ob vom Staat,  von Finanziers wie Banken oder von Risikokapitalgebern. Denn für sie ist die Gefahr oft zu groß, dass diese jungen Unternehmen scheitern. Deshalb sind Business Angels extrem wichtig, um Gründern Geld für den Start zu geben, aber besonders auch, um  Knowhow und ein Netzwerk zur Verfügung  zu stellen. Wird diese Finanzierungsquelle, wie zu befürchten ist, ausgetrocknet, dürften die Gründungen weiter zurückgehen.

Auch bei der Wachstumsfinanzierung für junge Unternehmen hinkt Deutschland international hinterher. 2013 betrugen die gesamten Investitionen von Risiko-Kapital, also Venture Capital, 700 Millionen Euro. Das sind nicht einmal 0,03 Prozent des Bruttoinlandprodukts, gegenüber 0,2 Prozent in den USA und 0,3 Prozent in Israel. Das zeigt, wie schwer es für Gründer in Deutschland ist, ohne Sicherheiten an Geld zur Finanzierung des Wachstums zu kommen.

Wenn wir die Rahmenbedingungen für die Finanzierung von Neugründungen nicht verbessern, dürfen wir uns nicht wundern, wenn vielen schon vor der eigentlichen Gründung des Unternehmens die Luft ausgeht, weil der Zugang zu ausreichend Kapital fehlt.

Der letzte Punkt, der meiner Meinung nach Unternehmensgründungen in Deutschland behindert, ist die staatlich geforderte überbordende Bürokratie gerade in der Anfangsphase eines Unternehmens.

Klar, es handelt sich nicht um unüberwindbare Hindernisse und jeder, der Geld, Idee und ein Team beisammen hat, wird sich von der Bürokratie einer Gründung nicht abschrecken lassen. Aber machen wir es doch bitte den Menschen nicht unnötig schwer.

In Deutschland zu gründen dauert deutlich länger und ist viel komplexer als in vielen anderen europäischen Ländern. Warum gibt es nicht einfach ein Unternehmer-Helpdesk bei den Behörden, das Gründern bei allen Schritten hilft und sie im Idealfall gleich mit anderen Gründern vernetzt. Statt dass sich jeder Gründer auf eigene Faust einen Anwalt für die Gesellschaftsverträge und die Satzung, einen Notar, einen Buchhalter, einen Steuerberater und ein Lohnbüro suchen muss, könnten diese Dienstleistungen zentral angeboten werden und so die Hemmschwellen bei einer Gründung deutlich verringert werden.

Wir sind also gut beraten, die bürokratischen Anforderungen an Gründer zu reduzieren, statt diese mit neuen Dokumentationspflichten wie beim Mindestlohn oder beim Monster Arbeitsstättenverordnung abzuschrecken. „Weniger ist mehr“ sollte es bei den administrativen  Pflichten heißen und „so viel wie möglich“ bei den Finanzierungsmöglichkeiten – nicht andersherum.