Artikel-Schlagworte: „Werte“

Unsere Kinder sind kein Projekt

Donnerstag, 7. Februar 2013

IMG_1503

Alle paar Monate kommt dieser Moment. Dass mir ein Thema plötzlich so unter den Fingernägeln brennt, dass ich nicht anders kann als meinen Gedanken freien Lauf zu lassen und sie ohne viel Nachdenken herunterzuschreiben.

Am Sonntag gab es mal wieder so einen Moment. In der „Welt am Sonntag“ habe ich den Artikel „Die Geschichte vom ewigen Zappelphilipp“ gelesen mit der Unter-Überschrift „Nie zuvor wurden in Deutschland so viele ADHS-Fälle diagnostiziert“.

Dieser Artikel hat eine Flut von Gefühlen und Gedanken bei mir freigesetzt, die ich jetzt ungefiltert mit Euch teile.

Der Stein meines Anstoßes ist das folgende Zitat einer Mutter in dem WamS-Artikel:

„Wenn im Kindergarten alle malten, zog mein Sohn sich zurück und las. Und heute noch, wenn ich in sein Zimmer komme, und er sitzt mit dem Rücken zur Wand, dann erschrickt er sich zu Tode, weil er sich in einer Parallelwelt befindet“.

Ja und?

(mehr…)

Open communication rocks

Montag, 20. Juni 2011

Es war schon immer mein Ziel – wenn nicht sogar Traum – ein Unternehmen so zu führen, dass man gegenüber Mitarbeitern, dem Managementteam und den Gesellschaftern offen, ehrlich und transparent kommuniziert. Die Dinge beim Namen nennt. Einfach sagt wie es ist. Nicht um den heißen Brei herumredet.
Das klingt zunächst mal ziemlich cool, modern und idealistisch.

Ist es auch.

Wenn man es konsequent macht, dann gewinnt man mit open communication Vertrauen und Respekt. Ist glaubwürdig, greifbar, ehrlich und menschlich.

Das ist aber weder einfach noch bequem.

Wie oft habe ich mich dabei erwischt, Dinge, die mich oder das Unternehmen in einem guten Licht erscheinen lassen, gerne offen kommunizieren zu wollen und die schwierigen Themen unter den Tisch fallen zu lassen.
Doch so funktioniert das leider nicht. Besonders Mitarbeiter merken, ob sie immer nur die halbe Geschichte bekommen. Und sie merken erst an unangenehmen, persönlichen oder kritischen Themen, dass man offene Kommunikation wirklich ernst nimmt.

Das Resultat offener Kommunikation ist nicht nur Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Respekt. Es gibt auch viele Nebeneffekte.
Positiver und negativer Art.
Positive Effekte sind, dass die Gerüchteküche kleiner, der „Flurfunk“ deutlich unspannender und damit weniger ausgeprägt ist und die Unsicherheit sicherer wird. Es wird weniger gemutmaßt und mehr über Fakten gesprochen. Man beschäftigt sich mehr mit der Gegenwart und Zukunft als mit der Vergangenheit. Und Menschen fühlen sich ernst genommen und geben den Vertrauensvorschuss, den offene Kommunikation mit sich bringt, dem Unternehmen im Idealfall in Form von Loyalität und Motivation zurück.
Negative Auswirkungen sind, dass manchmal gerade erst offene Kommunikation zu Unsicherheit führt, weil man unangenehme Wahrheiten hört, über die man sich sonst gar keine Gedanken gemacht hätte. Außerdem wäre es leichter, wenn es verschiedene Abstufungen von offener Kommunikation geben dürfte, um jedem die verdauliche Menge an Offenheit zu geben, die er am besten verträgt. Das wäre aber nicht offen, sondern eingeschränkt oder abgestuft offen.

Natürlich ist offene Kommunikation nicht wahllos auf jedes Unternehmen gleichermaßen anwendbar. Natürlich müssen börsennotierte Unternehmen mit offener Kommunikation anders umgehen als kleine Startups. Aber die Grundidee, die hinter offener Kommunikation steht, nämlich sich zu trauen die Wahrheit zu sagen, sollte für jeden guten Unternehmer die Basis seines Handelns sein.

Um offen kommunizieren zu können und als Mitarbeiter mit offener Kommunikation umgehen zu können braucht es ein gesundes Maß an Kritikfähigkeit, Selbstreflexion und Selbstbewusstsein. Und man muss bereit sein, Verantwortung zu tragen. Für das was man sagt und für das, was es in Menschen auslöst. Die Wahrheit ist häufig schonungsloser und schmerzhafter als eine Variante, Veränderung oder Abschwächung der Wahrheit. Die Abschwächung ist kurzfristig für Alle angenehmer. Aber sie holt einen ein. Und tut dann mehr weh und wirkt wesentlich länger nach.

Offene Kommunikation ist übrigens keine Bringschuld des Managements gegenüber den Mitarbeitern, sondern eine gegenseitige Pflicht. Die Mitarbeiter sind gleichermaßen aufgefordert, offen ihre Probleme, Wünsche, Kritik, Zweifel und Verbesserungsvorschläge zu kommunizieren. Und werden dafür gelobt und nicht bestraft. Offene Kommunikation darf aber nicht als Automatismus falsch verstanden werden, dass sich alles, was man an- oder ausspricht auch ändert oder berücksichtigt wird. Es wird diskutiert, evaluiert und abgewogen. Und danach wird entschieden. Wie bei jedem anderen Thema auch.

Bei Young Internet haben wir „open communication rocks“ zu einem unserer vier zentralen Unternehmenswerte gemacht, um die Wichtigkeit dieses Grundsatzes für das Unternehmen zu unterstreichen.

Es gab bereits viele Momente, in denen open communication zu großem Zusammenhalt im Team geführt hat, aber auch Tage an denen offene Kommunikation Unverständnis, Unsicherheit und Verärgerung ausgelöst hat. Diese Tage sind wichtig, denn sie machen einem immer wieder bewusst, dass offene Kommunikation kein Selbstläufer ist.

Denn wenn es einfach wäre, würde es ja jeder machen.

Was Werte wert sind

Freitag, 11. März 2011

Ich habe in den letzten Wochen viel über Werte nachgedacht. Über die immateriellen. Und darüber, welche Werte es eigentlich gibt und welchen Wert ich als besonders wertvoll empfinde.

Anders als bei den 10 Geboten sind Werte weder vorgegeben noch gibt es eine Liste, in der man alle Werte nachlesen kann. Sie werden nicht wie der Duden jedes Jahr überarbeitet und es gibt auch keine Gesellschaft, die prüft, ob ein neuer Wert aufgenommen wird. Geschweige denn ein Amt, bei dem man neue Werte einreichen oder ihre Definition festlegen oder nachfragen kann. Wir sprechen zwar von Wertekanon oder Wertesystem, wissen aber eigentlich nicht, welche Werte in diesem System alle enthalten sind oder sein müssen. Und haben die Freiheit unser eigenes Wertesystem so zusammenzusetzen wie wir es für richtig halten. Werte sind intrinsisch, häufig subjektiv (zumindest die immateriellen Werte) und machen uns zu dem was wir sind.

Werte, die mir spontan einfallen (wahrscheinlich weil sie mir wichtig sind) sind Verbindlichkeit, Zuverlässigkeit, Familie, Freundschaft, Integrität, Authentizität, Loyalität, Vertrauenswürdigkeit, Gradlinigkeit, Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Harmonie, Tapferkeit, Disziplin, Selbstreflexion und Selbstkritik. Wobei ich noch nicht mal weiß, ob das wirklich alles Werte sind bzw. was einen Wert zum Wert macht. Aber egal, für mich sind das Werte. Und das ist wahrscheinlich entscheidend.

Der stärkste Wert ist für mich, sich selbst treu zu bleiben. Selbsttreue also, wenn man es in einem Wort oder Wert ausdrücken möchte.

Erstens weil Selbsttreue viele andere Werte beinhaltet wie z.B. Authentizität, Gradlinigkeit, Aufrichtigkeit, Selbstreflexion und Selbstkritik. Also eigentlich ein Meta-Wert ist. Und zweitens, weil die Definition dieses Wertes für jeden Menschen anders ist. Denn jeder Mensch ist anders und damit ist auch jeder Mensch etwas anderem treu. Nämlich im Idealfall sich selbst. Das macht diesen Wert sehr einzigartig und besonders.

Während Werte wie Verbindlichkeit, Loyalität, Harmonie und Disziplin sehr klare Definitionen haben und von vielen Menschen gleichermaßen verstanden und auch gelebt werden, ist es bei „sich treu bleiben“ ganz anders. Das definiert jeder für sich selbst. Und lebt diesen Wert entsprechend auch anders.

Außerdem ist dieser Wert sehr gegensätzlich. Einerseits ist Selbsttreue für einen selbst und Andere viel weniger greifbar als die übrigen Werte. Denn Selbsttreue beinhaltet nicht nur, dass man sich selber sehr genau kennen und sehr genau über seine Werte und Wünsche nachgedacht haben muss. Selbsttreue beinhaltet vor allem auch, dass andere Menschen erst lernen und verstehen müssen, wer man eigentlich ist und welches Wertesystem man für sich definiert hat, bevor sie erkennen können, ob die Person sich treu ist oder nicht. Ist dieser interne und externe Prozess aber vollzogen, wird ein Mensch so transparent und nachvollziehbar wie bei keinem anderen Wert.

Desweiteren ist es bei Selbsttreue völlig unerheblich ob man extro- oder introvertiert, Familienmensch oder Einzelgänger, optimistisch oder pessimistisch, loyal oder illoyal, harmonie- oder streitsüchtig ist. Das ist alles nicht wichtig. Wichtig ist, dass man selber weiß, wer man ist, wo man steht, wie man auf andere wirkt und was man erreichen möchte. Und sich dabei treu bleibt. Denn dann wächst dieser Wert über sich hinaus. Dann verkörpert man das, was man nach innen ist auch nach außen. Und bringt damit Selbst- und Fremdbild in Einklang. Wird verlässlich und authentisch.

Nun mag jemand sagen, dass man auch gar keine Werte haben und sich trotzdem treu sein kann.  Das stimmt, ist aus meiner Sicht aber kein Problem. Denn wenn jemand ausstrahlt oder vermittelt, dass er keine Werte hat und sich selbst dabei treu bleibt, dass er keine Werte hat, dann weiß das jeder und kann sich darauf einstellen.

Und nur darum geht es bei den anderen – einfacher zu greifenden – Werten ja auch. Dass man sich auf sein Gegenüber einstellen kann. Dass man versteht, was einen anderen Menschen antreibt, bewegt und motiviert, was ihm wichtig ist und was nicht.

Was ihn „Wert“-voll macht. Und was eben nicht.